Kühn oder tollkühn – wie ist das heutige europäische Ja zu Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu bewerten?

Kühn ist es in der Tat, heute mit Blick auf das Jahr 2014 von einem Land am Bosporus zu träumen, das keine Folter mehr kennt (weder „systematisch“ noch überhaupt); das die kurdische Kultur fördert und nicht länger nur duldet; das Abschied nimmt von Heiratssitten, die in Europa seit einem halben Jahrhundert der Vergangenheit angehören.

Und kühn ist es auch, von einem Europa anno 2014 zu träumen, das mental wie monetär in der Lage ist, ein neues Mitglied einzugliedern, das mehr Menschen mitbringt als jedes Altmitglied, das selbst dann noch ärmer sein wird als alle anderen, ganz einfach, weil auch atemberaubende Wachstumsraten in einem Jahrzehnt den gewaltigen Abstand zum europäischen Durchschnitt nicht wettmachen können.

Tollkühn dagegen, ja, bodenlos leichtsinnig war die Entscheidung der Union in jenem Winter 1999. Damals ernannten die 15 Mitglieder in Helsinki – nach wenigen Minuten der „Diskussion“! - die Türkei zum Kandidaten für die Kandidatur, Wiedervorlage Dezember 2004.

Damals stand diese Union hoffnungsvoll, aber im Grunde ahnungslos vor ihrer größten Erweiterung um zehn neue Mitglieder. Niemand konnte wissen, welche Verwerfungen sie womöglich auslöst. Und im selben Augenblick griffen die Staats- und Regierungschefs bereits weit über die klassischen Grenzen Europas hinaus. Ihr Gesprächspartner war damals nicht der reformfreudige Recep Tayyip Erdoğan von der islamistischen AK Partei, sondern der sozialistische Nationalist Bülent Eçevit. Und dessen Regierung fürchtete nichts so sehr wie das Zauberwort Reform. Damals war Europas Gesprächspartner ein Regime, das mit Folter, Todesstrafe, Unterdrückung ganz gut zurechtkam.

Tollkühn war die EU-Entscheidung 1999. Kühn ist die Entscheidung von heute. Der Beschluss des Brüsseler EU-Gipfels vom Freitag bedeutet: Die Europäische Union und die Türkei verhandeln, von Oktober 2005 an, und mit dem Ziel eines Beitritts in zehn oder fünfzehn Jahren. Und beide Seiten wissen: Das kann auch schief gehen. Diese Verhandlungen können stocken, wenn die Reformen in der Türkei zurück gedreht werden. Und sie können scheitern, falls die Türkei aufgibt oder die Union sich für überfordert erklärt. Das sind, in einfache Worte übersetzt, die Schlusserklärungen des Brüsseler EU-Gipfels. Diese Verhandlungen werden schwierig, erklären gebetsmühlenhaft und beschwichtigend die europäischen Politiker.

Wie schwierig, konnte man in Brüssel erleben, ehe diese Verhandlungen förmlich überhaupt begonnen haben. Beweis: Die Zypern-Frage, für die am Freitag von 13 bis weit über 16 Uhr hinaus nachverhandelt werden musste. Ist es vorstellbar, dass ein Land der Union beitritt und ein Mitglied dieser Union nicht anerkennt? Ja, das ist vorstellbar, genau das geschieht in diesem historischen Augenblick.