Will man den Briten etwas madig machen, muss man den germanischen Charakter einer Gesetzesinitiative betonen. So geschehen, als Margaret Thatcher verkünden ließ, warum sie die Einführung der ID-Card, des Personalausweises also, für eine schreckliche, eine „Germanic idea“ halte. Eben ein irritierend unbritisches Instrument staatlicher Gängelung, das man nur auf dem europäischen Kontinent aushecken konnte, wo man seit jeher eine fatale Neigung zu staatlicher Kontrolle besitzt. Allen voran natürlich in Deutschland, dem Land, wo die Fußgänger vor völlig autoloser Kreuzung stehen bleiben und geduldig auf das Grün der Ampel warten.

Die Gegner der ID-Card konnten sich auch auf George Bush berufen, der ein solches Papier für unvereinbar hält mit einer freien Gesellschaft. An der Seite der rechten „libertarians“ stemmten sich linksliberale Kreise gegen den Plan der Blair-Regierung, die Briten wieder zur Ausweispflicht zu verdonnern. (Churchill hatte 1951 seinen Wahlkampf gegen die damalige Labourregierung unter anderem mit dem Argument geführt und gewonnen, er werde die ID-Card abschaffen.) Alles Lamentieren hat am Ende nicht gereicht. Das Unterhaus sagte mit großer Mehrheit "ja" zum Personalausweis, der schrittweise in den nächsten Jahren eingeführt wird. Bald werden auch die Briten stets eine ID-Card mit biometrischen Informationen mit sich führen müssen.

In der parlamentarischen Debatte wie auch in den Medien wurde gewaltig übertrieben, von beiden Seiten. Die einen tun so, als würde nun das Ende von Demokratie und Freiheit anbrechen. Big Brother lässt grüßen. Manche Befürworter priesen die Ausweispflicht, als handele es sich um ein Allheilmittel gegen viele gesellschaftliche Plagen, gegen internationalen Drogenhandel, Asylmissbrauch und Terrorismus. Dabei weiß jedermann, dass islamische Terroristen selbst im geregelten Deutschland mit strikter An- und Abmeldepflicht ihr Netzwerk ungestört aufbauen konnten, bevor sie den Tod nach Amerika brachten.

Die Wahrheit ist also profaner. Identitätskarten können den Kampf gegen den transnationalen totalitären Terrorismus womöglich erleichtern. Mehr nicht. Vor allem werden sie dem Staat auf zwei Feldern nutzen: Missbrauch von Sozialleistungen und illegale Einwanderung. Niemand in Großbritannien weiß ganz genau, wieviel Menschen im Lande leben. Wer einmal hier ist, kann, wie das 90% aller abgelehnten Asylbewerber bislang taten, einfach untertauchen. Untrennbar damit verbunden ist die Sorge, der Sozialstaat könnte die Unterstützung der breiten Mittelschichten verlieren, wenn nicht sein Missbrauch verhindert wird. Für die Labourregierung, die am Wohlfahrtsstaat festhalten will, ist dies ein besonders wichtiger Faktor. Eines lässt sich nicht bestreiten: Angenehmer ist zweifellos das Leben ohne Ausweis und ohne Meldepflicht. Mehr Sicherheit bedeutet auch hier wieder Verlust an Lebensqualität.