In Deutschland muss niemand in Wellblechhütten oder Bretterverschlägen hausen. Rund 1,3 Millionen Wohnungen stehen hierzulande leer, vor allem im Osten. "Wenn man ein Dach über dem Kopf braucht, zieht man in so eine Wohnung", sagt Thomas Knorr-Siedow vom Institut für Regionalentwicklung und Stadtplanung in Erkner bei Berlin. Ganz leicht sei das, in viele leere Berliner Hinterhöfe sei so das Leben zurückgekehrt. Wasser ist meist vorhanden, eine Heizung auch, wenn man Glück hat, sogar noch Strom.

Slums seien in Deutschland kein Thema, meint auch Peter Löhr, stellvertretender Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin: "Es gibt keine Probleme wohnungs- oder städtebaulicher Art mehr." Kopfzerbrechen bereite aber, was sich hinter den intakten Fassaden vollziehe: Die "soziale Entmischung" nehme zu. Wer es sich leisten kann, zieht aus Problemstadtteilen weg. Zurück bleiben Arme, Arbeitslose, Gestrauchelte. Und es ziehen Menschen nach, die sich ihre bisherige Wohnung in einer besseren Gegend nicht mehr leisten können – eine Entwicklung, die im neuen Jahr durch Hartz IV noch verschärft werden könnte, befürchtet Knorr-Siedow.

Neben dem massiven Abbau von Industriearbeitsplätzen, der viele Arbeiterviertel in Arbeitslosenviertel verwandelt hat, habe der Rückzug des Staates aus dem sozialen Wohnungsbau die "soziale Segregation" beschleunigt, sagt Professor Hartmut Häußermann, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität: "Die sozial gemischten Quartiere lösen sich auf, und eine stärkere Sortierung der Wohnbevölkerung nach Einkommen, Lebensstil und Nationalität in verschiedenen Quartieren greift Platz."

Um die krasse "soziale Sortierung" aufzulösen, wurde in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der soziale Wohnungsbau ins Leben gerufen. Sein wichtigstes sozialpolitisches Ziel war, die Gleichung "Wer arm ist, muss auch schlecht wohnen" außer Kraft zu setzen. Inzwischen bildeten sich, so Häußermann, in den Großstädten wieder Viertel heraus, "in denen sich die ›Überflüssigen‹ konzentrieren". Andernorts verschanzen sich Reiche in bewachten und abgeschlossenen Villengegenden. Die gespaltene Stadt ist Ausdruck der gespaltenen Gesellschaft.

Die Abkoppelung ganzer Armen-Stadtteile berge die Gefahr, warnt der Stadtsoziologe Knorr-Siedow, dass ihre Bewohner "sich irgendwann selbst aufgeben, dass sie sich eigene Wege suchen, auch in die Kriminalität". Dann könnten diese Quartiere zu Slums werden. In Frankreich oder Großbritannien, wo diese Entwicklung früher einsetzte, lasse sich dies bereits beobachten.

Um dieser Gefahr zu begegnen, hat die Bundesregierung vor fünf Jahren das Programm "Soziale Stadt" ins Leben gerufen. 330 Problemgebiete in 230 Städten werden speziell gefördert. "Quartiermanager" bieten in diesen Stadtteilen Beratung an und entscheiden, wofür das von Bund, Ländern und Kommunen zugeschossene Geld ausgegeben werden soll. Reinhard Fischer ist Quartiermanager im Soldiner Kiez mit rund 15000 Einwohnern im Berliner Wedding. "20 Prozent hier leben von Sozialhilfe, 40 Prozent sind Nichtdeutsche", sagt Fischer. Knapp 900000 Euro im Jahr bekommt er zusätzlich, um den Kiez aufzupolieren. Ein Spielplatz und ein Schulhof wurden "aufgewertet", Verkehr wurde beruhigt, Deutschkurse werden angeboten und Straßenfeste gefeiert. Um das Viertel auch für andere Gruppen interessant zu machen, wurden Künstlern leer stehende Gewerberäume angeboten; und Studenten dürfen ein Jahr lang zur halben Miete hier wohnen. Das Hauptproblem lässt sich auf diese Weise aber nicht lösen: Das Gefühl, von allem ausgeschlossen und ohne Perspektive zu sein, bleibt.