Vor 5300 Jahren geriet ein Mann in den Tiroler Alpen in einen Hinterhalt. Heute ist seine Leiche weltberühmt

Illustration: Smetek für DIE ZEIT

Mordfall Ötzi – in der Schulter steckt noch immer die abgebrochene Pfeilspitze (Kreis)

Ruhelos fristet die Mumie ihr Dasein

Fotos: Südtiroler Archäologiemuseum, www.iceman.it

Da verschwindet ein Mann in den Alpen, und als man ihn nach tagelanger Suche endlich findet, weiß alle Welt sofort, wer ihn ums Leben gebracht hat: Ötzi! Die Eismumie ein Mörder? Das ist infam. Ötzi hat ein lupenreines Alibi. Seine Zelle im Archäologischen Museum Bozen ist ein- und ausbruchsicher, mehrfach isoliert und mit einer Stahlwand verkleidet. Das kleine Guckloch besteht aus acht Zentimeter dickem Panzerglas. Und weder Museumsbesucher noch -personal bemerkten, dass Ötzi mal kurz fort gewesen wäre, um einen älteren Herrn hinterrücks in den Abgrund zu stoßen. Nein, Ötzi lag die ganze Zeit brav auf einer Bahre und streckte den Besuchern seine kleine, leicht geöffnete Hand entgegen.

Aber darum schert sich keiner. Es passt alles zu gut. Man kennt sogar Ötzis Motiv: Rache! Der Tote ist nämlich Helmut Simon. Dieser hat Schuld, dass Ötzis Totenruhe auf immer und ewig passé ist. Wäre Simon nicht damals, im Sommer vor 13 Jahren, gerade vorbeigekommen, als Ötzi aus einem Gletscher an der italienischen Grenze lugte, Neuschnee hätte die Steinzeitmumie bald wieder begraben. Das Leben als berühmtester Leichnam der Welt wäre ihr wohl erspart geblieben. Kein Wunder, dass der Eismann eine Mordswut im Bauch hat.

Selbst das Wissenschaftsmagazin Science orakelte, eine »grausame Ironie« habe Simon zum gleichen Schicksal verdammt, wie Ötzi es vor 5300 Jahren erlitt, nämlich einsam in Schnee und Eis umzukommen. Längst fabulieren nicht nur Boulevardzeitungen vom »Fluch der Mumie«, der alle bedrohe, die dem Eismann zu nahe treten. Die Liste, die Ötzi zur Last gelegt wird, hat es in sich: Simon war schon sein viertes Opfer.

Ötzi läuft dem Serienmörder Jack the Ripper den Rang ab

Günter Henn erwischte es zuerst. Der Gerichtsmediziner hatte 1991 den tiefgefrorenen Körper mit bloßen Händen in den Leichensack gehievt. Ein Jahr später, Henn fuhr gerade zu einem Vortrag über den Eismann, krachte er frontal auf ein anderes Auto. Dann stürzte der Bergführer Kurt Fritz in eine Gletscherspalte; er hatte Ötzis Gesicht aus dem Eis und damit nach einem halben Jahrzehntausend wieder ans Licht gezerrt. Auch Rainer Hölzls Tod gilt als Beweis, dass Ötzi alle verfolgt, die ihn ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit brachten. Hölzl, der vor ein paar Monaten einem Gehirntumor erlag, hatte als ORF-Reporter gefilmt, wie die festgefrorene Mumie mit Skistöcken aus ihrem Gletschergrab gekratzt wurde. Wenn der Steinzeitkiller nicht bald zu stoppen ist, läuft er selbst Serienmördern wie Jack the Ripper, Charles Manson und Jeffrey Dahmer den Rang ab. Das Drehbuch zum Splattermovie Der Rächer aus dem Eis ist sicher längst in Arbeit.

Auch die Neuigkeiten aus der Wissenschaft können gegen Ötzi verwendet werden. Nicht nur posthum scheint er ein gemeingefährlicher Zeitgenosse zu sein, auch zu Lebzeiten war er wohl ein finsterer Geselle. Glaubt man dem Prähistoriker Walter Leitner, muss Ötzi ein neolithischer Tyrann gewesen sein. Seine neueste Deutung, wie Ötzi ums Leben kam, unterscheidet sich deutlich von früheren Versionen. Die ersten gingen noch davon aus, der Tod habe den vor Erschöpfung Eingeschlafenen auf Eisesschwingen ins Jenseits befördert. Dass es Mord war, weiß man bereits seit 2001. Da entdeckte man die Pfeilspitze in Ötzis Schulter. Als der Bozener Pathologe Eduard Egarter Vigl im Jahr darauf eine Schnittwunde an Ötzis Hand fand, deutete alles auf einen erbitterten Todeskampf hin. Schließlich stieß man an Ötzis Kleidung und Waffen auf Blut – von vier Menschen.

»Seine Zeit war um«, sagt Leitner, der Professor für Vor- und Frühgeschichte in Innsbruck ist. Dort wurde die Gletscherleiche untersucht, bevor sie 1998 ins Museum nach Bozen kam. 47 Jahre sei Ötzi alt geworden, für jungsteinzeitliche Verhältnisse ein Methusalem. »Schon aufgrund des Alters war Ötzi eine Persönlichkeit«, sagt Leitner. »Ein Häuptling, ein Dorfvorsteher, vielleicht auch ein Schamane. Er war tätowiert, besaß also medizinische Fähigkeiten.« Dafür spricht auch die Ausrüstung: das Kupferbeil, die Bärenfellmütze, der noch unfertige Langbogen – das hatte nicht jeder. Warum aber plünderte man ihn dann nicht aus, als er tot im Schnee lag? Warum ließ man die kostbaren Accessoires einfach liegen?

Leitner kramt eine Zeichnung hervor: Darauf schwingt Ötzi wütend sein Beil; ein Pfeil steckt tief in seinem Rücken. Bogenschützen zielen feige aus sicherer Entfernung auf ihn, ein weiterer Angreifer bedroht ihn mit einem Messer. »Man räumte Ötzi einfach aus dem Weg«, stellt Leitner lakonisch fest. Warum? »Er hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und hielt halsstarrig an seiner Macht fest.« Ein hinterhältiger Mord löste das Problem. Später, im Dorf, streuten die Mörder das Gerücht: »Der hat sich im Gebirge verlaufen. Kein Wunder, so ein alter Mann!« Darum musste auch Ötzis Ausrüstung verschwunden bleiben. Leitner weiß, dass seine Komplott-These gewagt ist, zumal die Blutanalysen des australischen Molekularbiologen Thomas Loy noch nicht publiziert sind. Hätte Leitner aber Recht: Würde das nicht in Sachen Fluch einiges erklären? Ötzi, der zu Tode getroffene Tyrann, verflucht die Mörder fürchterlich: »Auf ewig verdamme ich euch und jeden, der sich an mir vergeht!«