Nein, sie sind kein Gerücht. Es gibt sie, und nicht nur auf CD. Sie haben in den vergangenen Jahren unter Kennern eine Art von leisem Ruhm gewonnen, doch es ist, als spielten sie mit ihren Bewunderern Versteck. Es braucht ein Quäntchen Glück, sie zu finden, wenn sie sich fünf- oder acht- oder zehnmal im Jahr öffentlich produzieren: bei einem ambitionierten Wiener Beislwirt im 16. Bezirk oder im Rundfunksendesaal in der Argentinierstraße gegenüber des falschen Rokoko-Palais der russischen Handelsmission. Dieses Brettl-Quintett ist kein Kabarett, obschon der melancholische Schatten des genialischen Qualtinger durch seine Texte schleicht. Erst recht kein abgehobenes Schrammelensemble, das sich um die Modernisierung des "Wiener Liedes" verdient machen will. Zwar können sie singen: Traude Holzer, die eine voluminöse Mezzostimme virtuos zu handhaben weiß und ihr Kompagnon Peter Havlicek mit der zweiarmig-dreizehnsaitigen Kontragitarre und dem samtweichen Tenor. Aber der Textdichter und Spiritus Rector der Gruppe, der Doktor Max Gruber, hat als literarische und musikalische Kunstform eine Art Wiener Rap erfunden, und er definiert ihn als "rhythmisch ausgeführte Poesie".

Als Urahn nennt Gruber den schwäbischen Barfüßer-Mönch Abraham a Santa Clara (alias Johann Ulrich Megerle), der gegen Ende des 17. Jahrhunderts den Wienern mit drastischen Höllendrohungen die Leviten las und damit das deutsch-böhmisch-slowakisch-ungarisch-kroatisch-slowenisch-jüdische Stadtvolk, trotz Pest und Türkenbelagerung, bei Laune hielt. Ob sich der Kuttenmann – Vorbild für die Kapuzinerpredigt in Schillers Wallenstein allerdings in Doderers Nachtgebet aus der Feder Max Grubers wiedererkennen würde, steht dahin: "herr / mia brauchn unsa fettn / um uns fua dem lebm zretten / weil eines is doch ganz gewiss / das es lebm tödlich is und / das man sich schützen muss / mit rauchn, saufn oda schuss…".

Die Entschlüsselung der konsequent fonetischen Schreibweise Grubers ist eine Frage der Fantasie und Gewöhnung, wobei Begriffe wie "fettn" – für Alkoholquantum (aber auch Gefängnis) – oder "schuss" – nicht unbedingt Heroin, sondern eher der gewohnte Schuss Schnaps im Kaffee – vielleicht doch eine Übersetzung fordern, die Peter Wehles Band Sprechen Sie Wienerisch? Von Adaxl (wie Eidechse) bis Zwutschkerl (wie zwetschkenähnlicher Wicht) verlässlich zu liefern vermag.

Doderer selbst, der Dichter der Strudlhofstiege, ist dem Geist der ihm gewidmeten Verse vielleicht näher als Abraham a Santa Clara. Doch eine Beziehung zwischen Grubers "Rap" und der Suada des Barockmönches existiert durchaus. Auch eine Verwandtschaft zu Nestroy. Die bedeutendsten Paten aber sind Ernst Jandl (der an Grubers Gymnasium gelehrt hat) und H.C. Artmann, dem die düstere Romanze kindaliewe gewidmet ist: "so klane händ / so große augn / mei liabe sö / du dadsd ma daugn – so feine hoa / so weis die haud / mei liabe sö / du wiasd mei braud – so gros de lusd / so rod des bluad / mei liabe sö / du duasd ma guad".

Der offensichtliche Mangel an sittlich-politischer Korrektheit, der diese Verse kennzeichnet, mag sich durch die Anlehnung an Artmanns sozusagen klassische Schilderung einer düsteren, wenn auch empfindsamen Seele ("sö") ein wenig mildern. Das Lied ist ein bravouröses Beispiel für das Raffinement der Musikarrangeure, die uns auf das Gespensterhaft-Schreckliche durch die vibrierende Flüsterstimme der Traude Holzer, durch die Fetzen der Geigenmelodien des brillanten Claus Riedl, durch das zarte Gitarrengezupfe von Peter Havlicek und die schwebenden Harmonikatöne von Walther Soyka vorbereiten, um hernach den Sprechgesang des Dichters über alle Abgründe zu tragen.

Die Musiker können alles: natürlich die österreichische Fiedlerei samt Walzerseligkeit, das Almgejodel und Vorstadtgedudel, den traditionellen Jazz und den Cooljazz, die Klassik sowieso, auch die Alt- und Neutöner des 20. Jahrhunderts. Sie "begleiten" den Meister Gruber nicht, sondern sie erfinden seine Texte musikalisch mit. Gruber, ein schmaler, fast schmächtiger Mensch, scheint auf den ersten und zweiten Blick nicht zum Dompteur des Publikums geschaffen zu sein. Er gibt sich bürgerlich und hat nichts dagegen, fast ein wenig farblos zu wirken. Selbstverständlich entspricht es einer genauen Kalkulation, dass die Musiker in dunkle Hugo-Boss-Gewänder gehüllt sind und dass er selbst in ein Business-Jackett schlüpft, darunter ein blütenweißes Hemd, freilich keine Krawatte. Man soll ihm ansehen, dass er Jura studiert, promoviert und sein Geld in ordentlichen Berufen verdient hat, zum Beispiel als Banker. Den urösterreichischen Titel "Bankoberbeamter" indes wies er zurück, ja er überredete das Topmanagement, den "BOB" aus dem so genannten Titelfundus zu streichen. Und eines Tages entschloss er sich, die Filmschule der University of California in Los Angeles zu absolvieren.

Ein Bohemien wurde er dennoch nicht. Das tägliche Brot (und ein bisschen mehr) verschafft ihm die Regie von Werbe- und Dokumentarfilmen, denn in seiner Kunst will er vom kommerziellen Erfolg unabhängig bleiben. Übrigens stellen auch die Musiker professionell alles Mögliche an: Die schöne Traude Holzer betreibt eine "Greisslerei", die anderswo in der Welt épicerie oder Gemischtwarengeschäft hieße. Der Komponist, Arrangeur und Geiger Claus Riedl wirkt als Konzertmeister der Bühnenmusik am Burgtheater. Er wird von dem russischen Geiger Alexei, genannt Aljosha Biz, abgelöst, der die Klangelemente der Gruppe mit der Erinnerung an die Klezmer-Musik seiner russischen Heimat noch ein wenig weiter spannt. Peter Havlicek ist von Hause aus Jazzgitarrist, und er ist regelmäßig nicht nur im Duett mit Traude Holzer (unter den Namen Steinberg& Havlicek), sondern vor allem mit den Neuen Wiener Conzertschrammeln zu hören.

Die Besetzung hat des Öfteren gewechselt, denn Gruber spielt gern mit neuen Akzenten. Seine Grundthemen aber, die er in seinem rhapsodischen Rap präsentiert – voll abgefeimtem Zartsinn, manchmal auch voller Pathos –, sind in Wahrheit die ewigen Themen Wiens, von denen ein zynischer Zeitgenosse bemerkt hat, dass sie sich niemals ganz aus dem Bannkreis des Zentralfriedhofs entfernten. Nein, die Freundlichkeit der Welt wohnt nicht in Grubers Balladen. Das Wiener Lied, sagt er, handle im Grunde immer von der Trilogie des Grauens: vom Fressen, Saufen und Sterben. Von Liebe sei so gut wie nie die Rede. Stattdessen besingt es den Liebestod, das gemeuchelte Kind, die Guillotine ("gujodin") oder den Reifenstecher ("rafnschdecha") – das ist Grubers Moritat von der Rache des Fiakers, der die Autos Nacht um Nacht dafür büßen lässt, dass sie ihn und seine Rösser über den Haufen gefahren haben: "und des zischen ist so leise / und dea tod dea kummed so schnö…".