Der baskische Schriftsteller Bernardo Atxaga hat einen Schlüsselroman geschrieben. Er heißt Der Sohn des Akkordeonspielers und behandelt eine zentrale Frage der spanischen Politik: Welche Umstände können einen jungen Menschen dazu bewegen, der Terrororganisation Eta beizutreten? Möglicherweise kommt dieser Frage bald eine besondere Bedeutung zu – wenn nämlich die Regierung Zapatero irgendwann ein Ende der Gewalt aushandeln wird und alle Seiten Zugeständnisse machen müssen.

Vorerst ist Atxagas Buch allerdings an einer anderen Front zum Schlüsselwerk aufgestiegen: am Knotenpunkt zwischen Verlagsbranche und Literaturkritik. Dort hat es einem der besten Kritiker Spaniens den Job gekostet. Der hatte den Roman in El País besprochen, der angesehensten Tageszeitung Spaniens, die von dem Medienkonzern Prisa herausgegeben wird. Dem gehört unter anderem Atxagas Verlag Alfaguara. Der Sohn des Akkordeonspielers war Alfaguaras großer Trumpf für die aktuelle Saison. El País flankierte die Veröffentlichung durch zwei Interviews mit dem Autor, eine Reisereportage von den Schauplätzen des Romans und einen großen Bericht von der Buchpremiere.

Und zwischendrin tauchte plötzlich die Kritik von Ignacio Echevarría auf, dem das Werk naiv, manichäisch und stilistisch verunglückt erschien. Der Artikel verhielt sich respektvoll zum Autor und war einleuchtend argumentiert. Aber er blieb ein Verriss.

Das ging zu weit. Der Chefredakteur verbat sich intern solche "Massenvernichtungswaffen" der Kritik, ein für alle Mal, und setzte der verantwortlichen Ressortleiterin umgehend eine Art obersten Meinungswächter vor die Nase. Der wiederum sorgte für die Blockade des freien Autors Echevarría, der seit 14 Jahren für El País tätig war und dessen vermeintliches Massenvernichtungspotenzial offenbar vorher nie jemandem aufgefallen war. Echevarría machte den verkappten Rausschmiss schließlich in einem offenen Brief publik. Der verbreitete sich schnell im Internet, gelangte jedoch nie in die Presse. Denn unter Spaniens Zeitungen herrscht eine Art Stillhalteabkommen. Mit den Skandalen der direkten Konkurrenz beschäftigt man sich nicht. So gibt eine Selbstbeschneidung die andere: Nicht zu hart an die lieben Schriftsteller ran und auch nicht an die lieben Kollegen.

Tatsächlich ist der Korpsgeist in Spaniens Kulturszene weit verbreitet. Man fraternisiert gern: Autoren und berufene Journalisten pflegen und betreuen gemeinsam den eigenen Literaturbetrieb. Eine aufrichtige Kritik steht dem entgegen. Sie stößt deshalb fast strukturell auf Unverständnis. So ist Echevarría, dem Ressentiment der Szene zufolge, ein Wiederholungstäter im Bücher-Schlechtmachen. Der muss sich doch nicht wundern, denkt man.

Diesem steinalten Reflex stellt sich ein neues, abgehärtetes Räsonnement zur Seite: Wie könne der Kritiker so blauäugig sein anzunehmen, dass er gegen höhere Verlagsinteressen kritische Freiheit besitze? Am Ende vermählt sich das "Wir sollen nicht zu sehr mäkeln" mit dem "Und dürfen es doch auch nicht" zu einer Allianz der Zurückhaltung. Gemütlich moderiert man schließlich das Verlagsangebot durch die Literaturbeilagen.

Die Spanier haben erst spät die Freiheit der Kritik gewonnen. Ohne Not nehmen sie Abschied davon.