Am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben die Stadt Lissabon. In einer Nacht kamen 50.000 Menschen um. Johann Wolfgang von Goethe war damals sechs Jahre, Voltaire schon 60. Für Goethe war es das Ende der Vorstellung eines gnädigen Gottes: "Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erden,...hatte sich, in dem er die Gerechten und Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen". Voltaire schrieb seinen "Candid oder die beste der Welten", französisch noch prägnanter: "Candide ou l’optimisme". Ein glänzend geschriebenes Traktat über die gescheiterte Vorstellungen der optimistischen Aufklärung. An den befreundeten Arzt schrieb der in seiner Zuversicht arg gebeutelte Voltaire, wie wir das 2004 auch schreiben würden: "Wie grausam doch die Natur ist! Es wird Mühe kosten, darzulegen, warum die Bewegungsgesetze solch furchtbare Verwüstung anrichten müssen in der besten aller möglichen Welten!"So ähnlich geht es uns modernen Mitteleuropäern, die wir das Ausweichen zu Weihnachten und zu anderen Urlaubsjahreszeiten in bestimmte tropische Regionen für unser Menschenrecht halten. Doch plötzlich zeigt sich die Erde nicht väterlich und fürsorglich, obwohl wir doch die Pauschalen bezahlt haben.Die Katastrophe im Indischen Ozean ist weitaus schlimmer als die von Bam (im Iran 2003) oder seinerzeit in Eriwan, als die von Nasrin (2002) in Afghanistan oder die in der Türkei vor vier Jahren. Sie zeichnet sich durch eine besondere Dimensionen aus: Sie umgreift Wasser und Landgebiete, sie betrifft Menschen auf dem Land und die Fischer, die Taucher und die Menschen an der Küste. Sie hat einen Umfang, der vielleicht nicht von einer Welt- aber doch von einer Kontinental-Katastrophe sprechen lässt. Diese Flutwelle hat sich bis an die Küste Somalias am Horn von Afrika bemerkbar gemacht.Eine Insel tauchte wegen der Zurückhaltung der dortigen Regierung bisher in Nachrichten nicht auf, denn sie ist kein Urlaubsgebiet: Sumatra. Dort lag das Beben am nächsten, man kann sich ausrechnen, dass dort verheerende Zerstörungen auf dem Land, allerdings nicht von touristischer Infrastruktur stattgefunden hat.Doch dort, wo das Erdbeben und die Tsunamis Touristenstrände und Länder getroffen und verwüstet haben, ist dieses asiatische Drama in eine besondere europäische Aufmerksamkeit gerückt: Unser Wohlstand ist gestört. Unser vermeintliches Recht auf Luxus, Versicherung und Berechenbarkeit ist empfindlich getroffen.Die mediale Pädagogik funktioniert bei solchen Fällen eigenartig. Die Katastrophe verdeutlicht uns als aktuellen oder potentiellen Urlaubern, die wir ja alle irgendwann an den Stränden Thailands oder auch Sri Lankas liegen werden: Ordnung, Versicherung, Garantie auf gutes Essen und medizinische Behandlung und den Animateur gibt es in Sri Lanka und Thailand nur für uns. Wir sind die wertvollen Menschen, auch hier im Urlaub. Evakuiert werden wir, nicht die anderen. Selbst wenn es anderen schlechter geht. Wenn die Festungen der ersten Welt in der Dritten zerstört werden, sind wir auf die Originalbedingungen der Dritten Welt zurückgeworfen.Die Frage, was getan werden kann und muss, wird in den Medien unabhängig von der Katastrophe behandelt. Alle Organisationen rechnen sich den Mitleidseffekt aus und bitten um Spenden. Um authentisch als helfende Hand zu wirken, müssen alle diese Organisationen mindestens einen Mitarbeiter vor Ort haben oder ihn noch heute hinschicken, damit er sich über Radio oder Fernsehbild melden kann und möglichen Spendern die Gewissheit gibt: Meine Organisation ist schon vor Ort.Dabei hat sich seit dem armenischen Erdbeben bei Eriwan seinerzeit als klare Erkenntnis herausgestellt: Jetzt ist nicht die Stunde kleiner Hilfsorganisationen. Jetzt können nur Joschka Fischer und Colin Powell handeln und Regierungen, die auf Knopfdruck ein Flugzeug mit dem Material und dem schweren Wasseraufbereitungsanlagen lossenden können. Es ist die Stunde der Rotkreuz- Gesellschaften und des THW (die sehr gute, wahrscheinlich weltweit beste Wiederaufbauorganisation für solche Katastrophen ist).Statt Eifer vor Ort zu simulieren, sollten die kleinen Hilfsorganisationen ihren Anhängern und ihrer Klientel sagen: Wir wissen noch nicht, wo es in den nächsten Wochen sinnvoll und notwendig sein kann, etwas zu tun. Aber wir werden sicher in einem dieser fünf Länder etwas tun. Gebt uns deshalb das Geld.Rupert Neudeck ist Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur und Vorsitzender von Grünhelme e.V.