Seine Zeitung gibt sich in jüngster Zeit sehr moderat. Man pflegt den Dialog mit bekannten Figuren des öffentlichen Lebens wie Cem Özdemir, Roger Willemsen und Xavier Naidoo. Man rief die Leserschaft auf, an der Kölner Demo gegen Terrorismus teilzunehmen. Wenn es darum geht, Propagandisten von Selbstmordattentaten zu verfolgen, scheut die IZ nicht einmal die Schlagzeile: Schily hat Recht! Die Berliner Extremismus-Expertin Claudia Dantschke hält die Islamische Zeitung trotzdem für die Camouflage einer subversiven islamistischen Sekte, der Murabitun. In der Tat findet man Abu Bakr Rieger im Internet als "Rais", "Scheich" und "World Leader of the Murabitun Movement" apostrophiert. Diese Bewegung wird von einem heute 67-jährigen Mann geleitet, dem bereits erwähnten Scheich Abdalqadir. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein exzentrischer schottischer Konvertit, der früher Ian Dallas hieß. Dallas hat in den sechziger Jahren als Schauspieler gearbeitet und war dann in der Hippieszene unterwegs, bevor er zum Islam fand. Er hatte zum Beispiel eine kleine Rolle in Fellinis 81/2. Heute lebt er in Südafrika als graue Eminenz seines eigenen Sufi-Ordens, der sich die Abschaffung des Kapitalismus und die Einführung des islamischen "Gold-Dinars" als Weltwährung auf die Fahnen geschrieben hat. Die Agitation des Scheichs für dieses hehre Ziel nimmt gelegentlich antisemitische Züge an – wie oft, wenn es gegen die Verschwörung des Finanzkapitals geht.

Dallas/Abdalqadir war es, der Andreas Rieger, ein Kind aus katholischem Haus im Schwarzwald, dazu brachte, sich nach dem Vorbild des ersten Kalifen Abu Bakr zu nennen. Vater Rieger war Fraktionsvorsitzender der CDU im Stadtrat und pflegte Umgang mit CDU-Größen wie Wolfgang Schäuble. Als der Sohn sich 1990, mitten im Jurastudium, in Granada zum Islam bekehren ließ, war das für die Familie ein Schock. "Mit einem Punk", sagt Rieger, "hätte man noch leben können. Aber der Übertritt zum Islam – das war das Letzte." Seither befinde er sich "in Verbannung".

Nun ja, er hat das Paria-Dasein gesucht und genießt es bis heute. Der Islam, wie er ihn versteht, war für ihn eine Möglichkeit, auszubrechen und doch seinen urkonservativen Impulsen treu zu bleiben. Man könnte sagen, für Abu Bakr Rieger war der Übertritt zum Islam eine konservative Revolution. In Freiburg hat er mit Gleichgesinnten Aktionen veranstaltet, die an die Happenings der Gegenkultur erinnern: Zum "Dschihad gegen die Marktwirtschaft" riefen Rieger und seine Murabitun auf. Heute bewundert er Attac und Heiner Geißler als Globalisierungskritiker.

Für Rieger ist der Sufi-Islam eine Alternative zum stahlharten Gehäuse der modernen Welt. Er zitiert gern die Moderne-Kritik der großen Denker der deutschen Rechten. Wer Abu Bakr Rieger zuhört, hat bald den Eindruck, dass Martin Heidegger, Carl Schmitt, Ernst Jünger und der Prophet Mohammed ein gemeinsames Projekt verfolgt haben. Der Islam mit seiner einheitlichen Weltsicht, die keine Trennungen zwischen Staat und Kirche, Priester und Laien, göttlichem und menschlichem Recht kennt, ist für Rieger die Antwort auf die alten Fragen des deutschen Denkens seit der Romantik. Er sei im Kern unpolitisch, nein "apolitisch", sagt er. Aber apolitisch sein heißt für Abu Bakr Rieger, die Politik schlechthin – auch Demokratie, Marktwirtschaft, Liberalismus – überwinden zu wollen. Der Islam, den Abu Bakr Rieger herbeisehnt, ist die Erfüllung eines alten deutschen Traums vom Absoluten. Dass dieser Traum Unerleuchteten als ein totalitärer Albtraum erscheinen könnte, ist dem badischen Scheich bewusst. Es ist ihm aber allemal lieber, als gefährlicher Typ zu gelten denn bloß als Spinner.

Der Islam als Erfüllung eines alten deutschen Traums vom Absoluten

Auch Abdul Hadi Hoffmann hat sich durch den Islam dem christdemokratischen Milieu entfremdet, in dem er lange zu Hause war. Seine Geschichte ist weniger schrill als die von Abu Bakr Rieger, doch bei näherem Hinsehen viel sprechender. Ihn hat es 1988 erwischt, an einem Sonntag auf dem Balkon. Christian Hoffmann, wie er damals noch hieß, wurde beim Lesen eines Buchs über den Iran von der Erkenntnis überwältigt, dass die Welt Allahs Schöpfung ist und der Islam die letzte von ihm offenbarte Religion. Er sei nicht auf der Suche gewesen, versichert er. In dem Buch, das er später über seine Bekehrung geschrieben hat, beschreibt er die ozeanischen Gefühle jenes Moments sehr eindringlich. Am Islam gefällt ihm die Kombination von Klarheit, Orientierung und "individuellem Ansatz": "Ich stand plötzlich direkt vis à vis zu Gott – ohne Kirche, Pfarrer, Erlöser wie im Christentum." Im März 1989 legt Christian Hoffmann in der Botschaft Saudi-Arabiens in Bonn das Glaubenbekenntnis ab und wird Muslim.