Ich glaube – Seite 1

Als mein Vater wusste, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte, lud er seine Kinder und seine engsten Mitarbeiter ein, machte ein paar Flaschen Champagner auf und nahm Abschied. "Auf ein heiteres Ende", sagte er und hob das Glas. Ich kann mir diese Szene immer wieder ansehen, denn ich habe die Abschiedsgesellschaft auf Video aufgenommen. Als Erinnerung an meinen Vater. Und immer sagt er zum Schluss: "Auf ein heiteres Ende." Dann bricht der Film ab.

Mein Vater war ein Pfarrer und ein frommer Mann. Deshalb starb er ruhigen Herzens, fast guter Dinge, obwohl er zuletzt viel hat leiden müssen. Die Zeit, in der wir auf den Tod warteten, war die beste Zeit, die ich mit ihm hatte. Nie habe ich vertrauter und inniger mit ihm gesprochen. Die Kunst, den Tod zu bestehen, ist der Ernstfall für einen gläubigen Menschen. Irgendwann hebt sich der Vorhang vor dem Wert und der Glaubhaftigkeit der eigenen Biografie, und dementsprechend gestaltet sich der Abgang. "Wo geh ich jetzt wohl hin?", fragte sich mein Vater, damals, als er starb. "Wo bin ich gewesen, bevor ich zu dir gekommen bin?", fragt mich meine kleine Tochter heute. Das sind Fragen, die kein Wissenschaftler beantworten kann, die sich die Wissenschaft auch gar nicht stellt. Es sind aber fundamentale Fragen für jedes Menschenleben, und allein die Religion versucht Antworten darauf.

Wenn ich mich recht erinnere, war es ungefähr zu dieser Zeit, als mein Vater starb, dass ich anfing, an Gott zu glauben. Vielleicht habe ich es auch schon vorher getan und es bloß nicht gemerkt. Aber wenn man erwachsen wird und auf einmal persönliche und berufliche Entscheidungen treffen muss, dann taucht die Frage auf: Woran glaube ich, weshalb entscheide ich mich so und nicht anders? Und ich merkte plötzlich, dass ich viele Dinge gar nicht mehr zu entscheiden brauchte, weil die Entscheidungen für mich als Christin längst gefallen waren. Jeder Mensch glaubt an irgendetwas – es geht nicht ohne Glauben. Hinter allem, was die Leute tun, steckt ein Glaube, der Glaube an das Recht vielleicht oder an die Liebe, an den Ruhm oder das Geld oder an das Ich oder an die gewaltsame Weltverbesserung oder daran, dass es keinen Gott gibt… Der Glaube – an was auch immer – ist die Steuerungssoftware eines Lebens. Jeder braucht, um ein Mensch zu sein, so ein Deutungsmuster von dem, was richtig ist und was falsch. Dafür hat er seine Vernunft. Meine Software ist der christliche Glaube. Er dient mir als Programm, mit dem ich alles bearbeiten kann, also deuten kann, was mich betrifft. Und mich betrifft alles.

Ich habe dieses Programm von meinen Eltern mitbekommen, aber aktiviert habe ich es selber – ganz bewusst, als ich erwachsen wurde. Vielleicht auch, weil ich da begriffen habe, wie ohnmächtig die Menschen sind – ich und die anderen –, voller Furcht und angewiesen auf etwas, worauf sie sich verlassen können. Wie wenig haben sie selbst in der Hand. Die wichtigsten Dinge hat ihnen das Schicksal aufgezwungen. Ihre gesamte Hardware zum Beispiel: Mich hat niemand gefragt, ob ich eine Frau sein will; ob ich gesund bleibe, kann ich nicht selbst beschließen; weder Augenfarbe noch IQ, noch Charakter durfte ich mir aussuchen; meine Hautfarbe, mein Elternhaus, der Kontinent, auf dem ich wohne – all das habe nicht ich für mich bestimmt. Und in meiner Todesstunde wird mich niemand fragen: Darf’s noch ein Tag mehr sein?

Auch die entscheidenden Güter im Leben kann ich mir nicht selber herstellen: Liebe, Anerkennung, Freundschaft, Kinder, Glück. Ich kann dazu beitragen, daran arbeiten und mich mühen, aber letztlich ist es ein Geschenk anderer und meinem Willen entzogen. Das ist für mich eine Grunderkenntnis der Religion: Ich habe nur sehr wenig, fast gar nichts in der Hand, ich muss auf eine Macht außerhalb meiner selbst bauen, um mich mit meiner eigenen Ohnmacht abfinden zu können – ja vielleicht sogar versuchen, ein fröhliches Einverständnis mit dieser Ohnmacht zustande zu bringen. Andernfalls droht ein Ende im Dauerhader oder als Sauertopf.

Auch das Scheitern ist dann nicht mehr so schmerzlich. Dieses ewige An-seine-Grenzen-Stoßen ist ja eine immer wiederkehrende Verletzung und hört leider nie auf. Alles steht im Weg: die vermaledeiten Umstände, meine persönlichen Beschränkungen und – natürlich! – die anderen Menschen, die nie so wollen, wie ich will. Warum ist es mir nicht möglich, mit einer bestimmten Person zusammenzuleben? Warum ist mein Kind nicht so einsichtig, wie ich das gerne hätte? Warum sind meine Texte nicht so überragend, wie ich mir das wünsche? Überhaupt bin ich nicht so, wie ich finde, dass ich sein sollte: nicht so brillant, nicht so mutig, nicht so herzlich, nicht so schön. Gottlob geht es nicht nur mir so – wie ich von anderen höre, scheint diese Vergeblichkeit ein Grundzug vieler Leben, wenn nicht des Menschseins an sich zu sein.

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Und da verleiht die Vorstellung, dass man sich nicht pausenlos aufreiben und in Szene setzen muss, durchaus eine Gelassenheit: Man ist sowieso ohnmächtig, zum Scheitern verurteilt – und doch geliebt. Als sein Geschöpf von Gott geliebt und angenommen zu sein, ohne den geringsten Aufwand treiben zu müssen – mich stimmt dieser Gedanke heiter. "Weil ich Jesu Schäflein bin…", bete ich abends mit meiner kleinen Tochter.

Natürlich frisst an mir auch der Zweifel. Häufig und heftig. Sicher gibt es keine gläubige Existenz ohne die intellektuelle Skepsis und ohne den maßlosen Zorn auf Gott. Wie sollte sich auch ein Schicksal wie das der kleinen Levke aus Cuxhaven, die – alle Zeitungen sind voll davon – mit acht Jahren einem Mörder in die Hände fiel, mit dem Glauben an den lieben Gott vereinbaren lassen? Die Schrecken der Welt waren und sind immer das beste Argument gegen die Existenz Gottes, und ich kann daran auch nicht vorbei. Gleichzeitig war das Unglück auch immer der brennendste Grund für die Menschen, sich auf Gott zu stürzen. Not lehrt beten, heißt es. Wer will darüber lachen? Sind alle jene, die aus tiefster Not – aus den Krebsstationen, aus den Schützengräben und den Gefängniszellen – zu Gott schreien und all ihre Hoffnung auf ihn werfen, bloß Narren? Es gibt kein Buch, das so voll ist mit Trauer und Zorn auf Gott wie die Bibel. Die Beschimpfungen, denen er dort ausgesetzt ist, sind manchmal am Rande der Blasphemie. Wut und Verzweiflung sind von jeher Geschwister des Glaubens und natürlich der bohrende Zweifel, dass gar nicht vorhanden sein könnte, woran man sich klammert, und die Angst, dass die Flüche und Gottesbeschimpfungen keine Adresse haben könnten, sondern in der eisigen Kälte des Alls verhallen.

Das Mathematik- und Physikgenie Blaise Pascal, das im 17. Jahrhundert lebte, wettete mit einem Freund, ob es Gott gebe oder nicht. Der Freund wettete, es gebe keinen: "Was bekomme ich, wenn ich gewinne", fragte er. "Nichts", antwortete Pascal, "du magst dann zwar Recht haben, aber du hast trotzdem verloren. Und ich auch. Wenn es keinen Gott gibt, ist das Leben sinnlos und leer." – "Und wenn du gewinnst?", fragte der Freund. "Dann haben wir beide gewonnen", sagte Pascal. Das, meinte der Freund, beantworte aber nicht die Frage nach der Existenz Gottes. "Stimmt", sagte Pascal, "aber es macht klar, dass du dich entscheiden musst und dass die Entscheidung für dein Leben Folgen hat: Du musst zwischen zwei Antworten wählen, die mit gleicher Wahrscheinlichkeit richtig sind: Die eine Antwort hat gute Folgen, die andere schreckliche. Wie kannst du da zögern?" Der Freund fragte: "Und wenn ich mich irre?"– "Macht nichts", versetzte Pascal, "dann hast du eine schöne Illusion gehabt. Andernfalls hättest du das Nichts gewählt. Das macht nicht glücklich." Der Freund fragte: "Ich muss also an Gott glauben?"– "Du musst nicht", antwortete Pascal, "aber es ist deine einzige Chance."

Ich muss nicht beweisen, dass es Gott gibt (für viele Menschen ist die Schönheit und Ordnung der Natur oder ein Säugling auf dem Arm seiner Mutter schon Beweis genug), und ich kann es auch nicht. Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich glaube an die schöne Illusion, von der Pascal spricht. Ich hoffe, dass das oft elende Menschenwerk um mich herum nicht die letzte Wahrheit ist und der amerikanische Präsident nicht der höchste Machthaber.

Es fällt mir nicht leicht zu glauben; das Christentum ist verrückt und voller Paradoxien. So entwirft es zum Beispiel eine Zukunft nach dem Ende. Es könnte eine neue Schöpfung sein, die da wartet, oder eine ausgleichende Gerechtigkeit. Das sind zwar Vorstellungen, die weit über meinen Horizont reichen, aber sie haben Auswirkungen auf mein Leben. Meistens tröstliche. Besonders die biblische Vorstellung vom Jüngsten Gericht. Darunter stelle ich mir keine gigantische Strafaktion vor, sondern eine göttliche Maßnahme, die vielleicht all das lösen könnte, was in dieser Welt ungerecht und ungelöst geblieben ist. Und wenn mein Glaube bloß eine Einbildung war? Dann ist es eben so! Ich habe dann ein getröstetes Leben geführt und mich wenigstens bemüht, ein halbwegs guter Mensch zu sein. Vielleicht hilft mir das Glauben dereinst auch dabei, ein bisschen leichter zu sterben. Dann werde ich erkennen, ob ich mich geirrt habe. Nach meinem Ende. Meinem hoffentlich heiteren Ende.