So euphorisch, wie die Kiewer Demonstranten in den vergangenen Wochen ihre Apfelsinenrevolution feierten, so gelassen nahmen sie den Wahltriumph ihres Kandidaten Wiktor Juschtschenko auf. Als er gegen halb drei Uhr in der Nacht zum Montag vor das Fahnenmeer auf dem Platz der Unabhängigkeit trat und sich zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärte, klangen die "Ukraine, Ukraine"- und "Wir sind viele"-Sprechchöre nicht inbrünstiger als während der wochenlangen abendlichen Durchhaltereden zuvor.
Da vermischte sich Müdigkeit mit der Routine permanenter Revolution, und die stille Genugtuung bleibt im Gefühl vieler Menschen der unterschwelligen Angst angemessener, dass sich der Sieg doch noch als jäh zerplatzender Traum herausstellen könnte. Denn die Anhänger des unterlegenen Regierungskandidaten Wiktor Janukowitsch haben bereits ihre Klage vor dem Obersten Gericht gegen angebliche Manipulationen zu ihren Ungunsten angekündigt. Am Unabhängigkeitsplatz schloss sich in der Nacht der Revolutionskreis: Fünf Wochen zuvor hatten hier jugendliche Aktivisten im Schutz der Immunität einiger oppositioneller Parlamentsabgeordneter nach dem "gestohlenen Wahlsieg" die ersten Igluzelte als Ausdruck ihres Protests gegen unverhohlene Manipulationen und Wahlfälschung durch die staatlichen Machthaber aufgestellt. Die orangefarbene Revolution, die Millionen von Menschen auf die Straße sog und die Ukraine in die Wahrnehmung der Welt führte, nahm ihren Lauf. Das Zeltdorf, das den Prachtboulevard Kreschtschatik mit dem würzigen Geruch von Holzfeuer füllt, bildet mit den weihnachtsglitzernden Cola-Trinkzelten mittlerweile ein festes Ensemble. Die Revolution etablierte sich, und die parapolizeilichen Ordnungstrupps mit den orangefarbenen Dreieckstüchern um den Arm schirmen die Bühne inzwischen so sicher wie herrscherisch schroff ab. Nach der Wiederholungswahl gestern, die das Oberste Gericht vor drei Wochen aufgrund der massenhaften Manipulationen angeordnet hatte, feierte Juschtschenko als eher stiller Genießer einen historischen Moment in der Geschichte der ukrainischen Demokratie und Zivilgesellschaft.Schon die Ergebnisse der Befragungen am Ausgang der Wahllokale hatten Juschtschenko diesmal übereinstimmend einen Vorsprung von mehr als zehn Prozent der Stimmen prognostiziert. Im Stabquartier seines Wahlblocks "Unsere Ukraine" mit dem Charme einer Siebziger-Jahre-Berufsschule kam unter Neonröhren bei Speckbroten und Mineralwasser dennoch keine überbordende Stimmung auf. Der politischen Erschöpfung setzten Gerüchte über Sonderzüge mit schlagbereiten Janukowitsch-Anhängern aus Donezk weiter zu, die sich allerdings am nächsten Tag nicht bestätigten. Manche ahnten auch, dass die eigentliche Revolution der Ukraine erst noch bevorsteht. Denn auch nach dem Urteil des Obersten Gerichts hatte die machtverblendete Elite um den scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma die Zeitenwende nicht verstanden und ihre vergehende Position wie altbewährt mit Lügen und der Politik aus dem Mauschelbecken zu halten versucht. Juschtschenko ging in seiner Legitimierungssucht durch Wahlen einige Kompromisse mit Kutschma ein, die im September nächsten Jahres grundlegende Vollmachten des Präsidenten auf das Parlament übertragen. Ihm bleiben nur acht Monate Zeit, um das von Wirtschaftsclans besetzte Regime zu demokratisieren und für Vertreter einer jungen, unbelasteten Generation zu öffnen. Die alte Elite hat nicht der Einsicht in ihre Dinosaurierreife und nur schrittweise dem Druck der Menschenmassen nachgegeben. Sie hofft darauf, Juschtschenko auf dem Präsidentensitz kontrollieren zu können. Ob er die Persönlichkeit besitzt, die Last der Hoffnungen und Illusionen gegen den Widerstand der Vertreter des ancien régime zu schultern, muss sich erweisen. In jedem Fall haben die Menschen in der Ukraine voller Selbstgewissheit wochenlang Schnee und Kälte getrotzt und ohne Blutvergießen die Chance auf eine demokratische Zukunft erkämpft. Es ist ihr Erfolg, wenn die westlichen Wahlbeobachter verkünden, dass sich das Land am Sonntag internationalen Standards einer demokratischen Wahl substantiell genähert habe. Sie konnten sich als Sieger fühlen, als die Wahlkommission nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen verkündete, Juschtschenko liege mit mehr als 52 Prozent uneinholbar vor den 44 Prozent seines Gegenkandidaten Janukowitsch. Die Leistung der besonnen und entschlossen demonstrierenden Menschen in der Ukraine hat sich bereits unlöschbar ins historische Gedächtnis des Landes eingetragen, und mancher auf dem Unabhängigkeitsplatz versprach noch in der Nacht, seinen Enkeln von der orangefarbenen Revolution und einem Mann auf der Bühne zu berichten, der die Hoffnungen und die bodenständige Vorsicht der Zuhörer verkörperte - in sich gekehrt.