Deutsche Leser, jedenfalls die von Kriminalromanen, müssten die glücklichsten der Welt sein! Wenn Lesen dick machte, sähen sie aus wie fette Haifische. Sie wären gespannt auf extraordinäre Leichen, nervös wie die Haie in Heinrich Steinfests jüngster sophistication. Und glücklich, weil ihnen im Krimischlaraffenland D alles geboten wird, was es an Feinstem und Schwärzestem gibt.

Hier ein paar deutsche Pralinen der letzten Monate: Hochtief anspielungsreiche Grenzkunst liefert Steinfest im Wittgenstein-geschwängerten Roman Nervöse Fische über ein sich selbst auflösendes Absurdrätsel, das natürlich, so der Kommissar mit Wittgenstein, keines sein kann: Auf dem Dach eines Wiener Hochhauses wird im Swimmingpool ein Grafologe aufgefunden, dem augenscheinlich ein paar Haie das Leben weggenagt haben. Bittere Politsatire blättert Doris Gercke in ihrem jüngsten Bella Block- Roman (ja, die alte Knurrerin gibt es noch: Nicht wie in der Kuschel-TV-Version im Beziehungskrisenhafen aufgedockt, sondern bissig, souverän, hart am Untergrund navigierend) gegen die Erste-Welt-Heuchelei auf: Ihr Schlaf, Kindchen, schlaf lässt den Leser schlaflos zurück. Höllische Yeti-Schauerromantik im Alpinstil malt das Duo Lossau/Schumacher – ihre Menschenscheuche um tiefgefrorene Leichen in Vorarlberg verwandelt alle politisch korrekten Konversationsthemen von Abendland (Untergang) bis Artenschutz (Rückgang) in einen 32-Bit-Farben-Comic.

Überreich beschenkt sind deutsche Leser mit Kriminalliteratur aus allen Ecken der Welt. Nirgendwo wird mehr übersetzt als in Deutschland. So könnte nur hier und in Portugiesisch sprechenden Ländern die laszive angolanische James Bond- Parodie Jaime Bunda, Geheimagent auf dem Gabentisch liegen: die mitreißend schwadronierte Story vom faulen, fetten, krimibesessenen Neffen eines wichtigen Mannes, der in die heimischen Wespennester aus Korruption, Patronage und Selbstbereicherung trampelt.

Verlegerischer Abenteuerlust ist auch die nachgetragene Entdeckung zweier Autoren zu verdanken, die das Spektrum des europäischen Kriminalromans in ihren Ländern schon vor einiger Zeit erweitert haben: Dominique Manotti und Pentti Kirstilä. Mit Manottis Hartem Pflaster hat Assoziation A (ein dreifacher Tusch auch auf die anderen winzigen, radikalen Verlage: Distel, zebu, strange, Pulp Master) in seiner jungen Noir- Reihe ein Bravourstück moderner politischer Literatur endlich, neun Jahre nach der Erstveröffentlichung, nach Deutschland gebracht. Dominique Manotti, die 1982 als Gewerkschaftsfunktionärin selbst am Kampf der türkischen Schneidereiarbeiter des Pariser Viertels Sentier um Aufenthaltsgenehmigungen beteiligt war, hat, Historikerin, die sie auch ist, mit dokumentarischer Genauigkeit diesen Sozialkonflikt in seiner Zeit recherchiert und aus der Geschichte pralles Leben gemacht, eine Nachfolgerin Balzacs oder Eugène Sues. Sprache, Plot, Figuren – alles stimmt, atmet, liebt, kämpft: vom schwulen Kommissar, der die Abhängigkeit des blauäugigen Illegalensprechers liebevoll nutzt, über das Hinterzimmermilieu der illegalen Werkstätten, ohne die es kein Pariser Prêt-à-porter gäbe, bis zum iranisch-türkisch-französisch-amerikanischen Drogen-, Waffen- und Menschenhandel.

Der Finne Pentti Kirstilä ist unter den nordischen Krimiautoren der Franzose. Wie Manchette signalisiert er dem Leser durch Selbstironie und -reflexion: Achtung, hier wird scharf mit Platzpatronen geschossen! »Hanhivaara betrachtete es nicht als unerhörten Schicksalsschlag, als er ausgerechnet an Mittsommer über eine Leiche stolperte.« Da sind mit einem Satz 40 Prozent aller polarkreisnahen Verbrechen auf der Schippe – kein Monat ist mörderischer als der Juni. Raffiniert ist Kirstilä auch. In seiner Kriminaletüde über die Angestelltenkultur im Export-Import-Milieu des Jahres 1978 bereitet sich zunächst ein Ich-Erzähler auf einen Mord aus sexueller Frustration vor, ziert aber im Folgenden als Leiche die Walstatt der finnlandschwedischen Saufkultur. So einen Wechsel hätte Wallander gar nicht mitbekommen. Prosit, ihr Haie!