Für mich sind die ins Feld geführten Gründe für Beitrittsverhandlungen mit der Türkei so gut und überzeugend nun auch wieder nicht.

Zum Beispiel die EU-Grenze mit Iran und Irak: Die Stärke der EU bei den Verhandlungen in Teheran liegt in ihrer Unabhängigkeit. Wie im Palästina-Konflikt wird die EU als durchaus ehrlicher Makler angesehen, da man ihre skeptische Haltung zur derzeitigen amerikanischen Politik wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Diese sehr wichtige Position würde die EU mit dem Mitglied Türkei verlieren, da sie dann nicht mehr als Makler wahrgenommen würde, sondern als neuer Machtfaktor in dieser sehr sensiblen Weltgegend.

Dies gilt umso mehr, als die Türkei trotz ihrer muslimischen Prägung nicht die viel zitierte Brücke zu den anderen muslimischen Staaten darstellt und von diesen auch als solche nicht akzeptiert wird. Die Vorbehalte gegenüber der Türkei sind in den arabischen Staaten durch die etwa 500-jährige Kolonialzeit groß. Die enge Bindung zu Israel verstärkt diese Vorbehalte.

Die Unabhängigkeit ginge der EU aber auch dadurch verloren, dass man als direkter Nachbar gezwungen wäre, in irgendeiner Weise zu reagieren, während man derzeit in der Lage ist, flexibel zu handeln.

Die notwendigen Strukturreformen der EU-Organe, da ist Herrn Thumann zuzustimmen, sind überfällig, doch sie dürfen kein Argument für den Beitritt der Türkei sein. Um es zynisch zu formulieren: Die Heilung des Patienten ist nur durch sein Ableben zu erreichen!

DR. PETER WINTER, GROSS-GERAU

Ein historischer Schritt oder der Anfang vom Ende? Derzeit polarisiert die Türkei die Staaten Europas und ihre Bevölkerungen. Die Staats- und Regierungschefs Europas haben sich für Beitrittsverhandlungen ausgesprochen.