Anfang dieser Woche waren es schon 150000 Tote, 500000 Verletzte und fünf Millionen Obdachlose. Tropische Seuchen drohen. Zugleich begleitet Altbekanntes das große Unglück: Plünderer, die Toten den Ehering vom Finger ziehen, Touristen, die ungerührt ihren Urlaub an Todesstränden fortsetzen, thailändische Prostitutionsbetriebe im üblichen Tag-und-Nacht-Betrieb und Börsianer, die guter Stimmung bleiben. Die Gleichzeitigkeit von fröhlichen Silvesterfeiern neben Schreckensbildern von apokalyptisch verwüsteten Küstenstreifen beweist, dass das "globale Dorf" des medial vernetzten Planeten zwar manches vermag – zum Beispiel, gemeinsam zu helfen–, aber nicht, gemeinsam zu trauern, innezuhalten für mehr als einen Tag.

Apokalypse heißt "Offenbarung", und offenbart hat sich die alltäglich verdrängte Erkenntnis, auf einer zerbrechlichen Erde zu leben – aber auch die Wahrheit, dass die Menschheit in völlig verschiedenen Realitäten existiert. Die Ausflüge westlicher Touristen in vermeintliche Naturparadiese glichen Besuchen in einer Kulissenwelt, hinter der die nackte Armut herrscht – in Gesellschaften ohne Infrastruktur, ohne ausreichende ärztliche Versorgung, verwaltet von behördlicher Inkompetenz, unvorbereitet auf Katastrophen.

Der kulturelle Schock sitzt tiefer. Ein Fernsehbild des schwedischen Jungen, der seine Eltern in Phuket verloren hat, ist emblematisch: Sein leerer Blick schien in eine Wirklichkeit zu reichen, die wir vergessen hatten oder nicht mehr kannten – in das Chaos selbst. Psychologen werden ihm und allen anderen Überlebenden das Trauma nicht ausreden können. Es ist so alt wie die Menschheit.

"Die Erde aber war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut." So schildert die biblische Schöpfungsgeschichte die Erschaffung der Welt. Und jene Urflut, das endlose Wasser, war das Chaos vor dem ordnenden, göttlichen Eingriff, der Erde und Meer trennte. Das erzählen fast alle Schöpfungsmythen der Welt. Das Unheimliche aber blieb das Meer, "vorhanden wie nichts Gutes", in den Worten der Dichterin Brigitte Kronauer, jedoch "ohne weiteres in der Lage, jeglichen Glauben an das Gute und Böse im Handstreich zu ertränken… grausig anwesend bis zur Unsichtbarkeit".

Die Erfahrung einer göttlich geschaffenen Ordnung der Welt, die sich widerspiegele in der religiösen Ordnung der Stammesgemeinschaften, sollte über Jahrtausende hinweg das Selbstverständnis der Menschen bestimmen. Dass aber die Schöpfung kein abgeschlossenes Ereignis sei, sondern, mit Kant gesprochen, "niemals aufhöre", war eine zentrale Entdeckung der Aufklärung. Sie war den schweren Naturkatastrophen des 18. Jahrhunderts nicht minder geschuldet als dem Zusammenbruch alter religiöser und sozialer Bindungen in Bürgerkriegen und Revolutionen.

Die Wahrheit Gottes verflüchtigte sich im 19.Jahrhundert zum Märchen in der Moderne. Nicht mehr vor IHM ängstigten wir uns, sondern vor der Natur. Die Annäherung des Halleyschen Kometen versetzte die Welt vor einem Jahrhundert in Furcht und Schrecken – Urgefühle, die zur conditio humana gehören und die Hollywoods Katastrophenfilme zum Ende des zweiten Millenniums als Entertainment wiederbelebten.

Die ganze Welt absolviert derzeit einen Schnellkurs zur Tektonik der Erdplatten und zu den Auslösern von Seebeben. Es habe, so suggerieren uns die Wissenschaftler, alles seine Ordnung mit dem Chaos, solange es erklärbar bleibt – ein schwacher Trost für die Überlebenden und keine Zukunftsversicherung.