Im Anfang war Otto von Bismarck. Genauer gesagt: Bismarcks Angst. Denn so kalkuliert der Kanzler mit dem Mittel des Krieges nach außen Politik machte, so sehr wünschte er Frieden im Innern. Nichts fürchtete er mehr als die "rothe Gefahr", die Arbeiterbewegung. Hatte er zunächst die Peitsche geschwungen und 1878 das berüchtigte "Sozialistengesetz" erlassen, das die Sozialdemokratische Partei verbot und ihre Mitglieder zu Illegalen machte, so griff er bald darauf zum Zuckerbrot und brachte die ersten Sozialgesetze auf den parlamentarischen Weg. 1883 vereinheitlichten sie die Krankenversicherung, die unter einem Wildwuchs von Knappschafts- und vielen anderen Kassen litt. 1884 kam die Unfallversicherung hinzu, die für alle Arbeitsunfälle im Betrieb die Unternehmer haftbar machte (mit den Berufsgenossenschaften als Trägerorganisationen), 1889 schließlich die Alters- und Invalidenversicherung. Sie wurde von den Versicherten und den Arbeitgebern finanziert. Der Staat steuerte Zuschüsse bei.

Es war ein gewagtes soziales Experiment, ein "Sprung ins Dunkle", wie Bismarck selbst das System der "rationalisierten" Massenversicherung genannt hat. Aber wenn diese Gesetze auch bei weitem noch keine perfekte "soziale Sicherung" im Wortsinne boten, kann man schon "von der Grundlegung eines Systems der sozialen Sicherung sprechen". Diesen Schluss jedenfalls zieht der Mainzer Wirtschaftshistoriker Volker Hentschel. Von der Geburt des Sozialstaates in Deutschland ist die Rede; der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler nennt das Gesetzeswerk der Bismarck-Zeit gar eine "soziale Erfindung" von "bahnbrechendem Charakter". Und tatsächlich, es bildet nicht nur das Fundament des modernen deutschen Sozialstaats, es hat auch global Schule gemacht. Manch eine Regierung versuchte, es zu kopieren.

Im Alltag allerdings nahm es sich zunächst eher bescheiden aus. Nur wenige Glückliche profitierten davon – wenn sie krank wurden, bei einem Arbeitsunfall zu Schaden kamen oder wenn sie mit 70 Jahren endlich in Rente gehen konnten. Nur ein Fünftel der Erwerbstätigen und weniger als ein Zehntel der Bevölkerung partizipierte anfangs an den Wohltaten der Krankenversicherung. Auch fielen die Leistungen, etwa im Falle der Invaliditäts- und Altersversicherung, so kümmerlich aus, dass nicht einmal das Existenzminimum gesichert war. Wie sollte sich ein Rentner seines Lebensabends erfreuen mit maximal 450 Mark Ruhegeld pro Jahr, wenn doch die Miete für ein Zimmer in der Stadt 50 bis 65 Mark kostete? Und ein Pfund Butter eine Mark und dreißig Pfennige?

Die ersten Arbeitsämter entstehen in Polizeiwachen

So mussten die Arbeiter und später auch die Angestellten nach wie vor damit rechnen, dass sie eines Tages wieder als Almosenempfänger in den Amtsstuben der Armenpfleger Schlange stehen und die Hand aufhalten würden. In der Tat ergab eine Umfrage bei den Armenverwaltungen, dass in dem Jahrzehnt 1883 bis 1893 die Zahl der Bedürftigen nicht etwa zurückgegangen war, sondern noch zugenommen hatte.

Auf diese kargen Anfänge folgte, von der Jahrhundertwende an bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, eine bemerkenswerte Aufbauphase. Der Kreis der Krankenversicherten wuchs bis 1914 auf etwa die Hälfte der Bevölkerung an. Und die Leistungen der Kassen wurden angehoben, wenngleich noch immer auf ein nur bescheidenes Niveau. Auch hatten die Rentner fortan einen Rechts anspruch auf ihr Ruhegeld. Sie brauchten nicht länger als Bittsteller aufzutreten.

Anders erging es den Arbeitslosen. Während es in Großbritannien, wo 1911 mit dem National Insurance Act neben einem staatlichen Versicherungssystem für das Gesundheitswesen auch eins für den Fall der Arbeitslosigkeit geschaffen wurde, gab es im Reich für die Arbeitslosen nach wie vor nur die Armenfürsorge, die Kassen der Gewerkschaften und die Hilfswerke. Das Geld wurde nach dem Fürsorgeprinzip ausgezahlt, oftmals verbunden mit einer hochnotpeinlichen, mitunter auch entwürdigenden Prüfung der Bedürftigkeit. Heute wie damals verpflichtet das Bürgerliche Gesetzbuch von 1896 die nächsten Verwandten eines Betroffenen, das heißt die Verwandten in gerader Linie, zu dessen Unterstützung. Dass dieses Relikt des vorvorigen Jahrhunderts den sozialen Wandel hin zur Kleinfamilie überdauert hat, ist ein Anachronismus.

1911 folgte wieder eine Sozialreform aus einem Guss, diesmal zugunsten der Angestellten. Nach jahrelangen Kämpfen um einen sozialrechtlichen Sonderstatus bekamen sie, die man gern "Industriebeamte" nannte, eine eigene Sozialversicherung. Die Reichsregierung schuf sie, um diese Klientel "von dem verderblichen Einflusse der Sozialdemokratie fernhalten zu können". Diese Sorge hat sich für die Arbeiter mit weißem Kragen bezahlt gemacht. Jahrzehntelang genossen sie von da an einen besseren Versicherungsschutz als ihre Kollegen im Blaumann.