Als im November bekannt wurde, dass George W. Bush zum zweiten Mal Präsident wird, brach an manchen Ecken der Welt Jubel aus. Zum Beispiel in Bangalore, dem Zentrum der indischen Informationstechnologie, das amerikanischen Programmierern und Dienstleistern harte Konkurrenz liefert. Dort hatten sie mit Sorge den Wahlkampf des Herausforderers John Kerry verfolgt, der mit den Gewerkschaften im Rücken mehr Protektionismus forderte.

Vielleicht haben sich die Inder zu früh gefreut.

Rings um die Wall Street, in der Washingtoner Notenbank und bei etlichen Handelspartnern macht sich inzwischen eine ganz andere Sorge breit: Die nächsten vier Jahre Bush könnten zu Jubeljahren für den Protektionismus geraten.

So gerieten noch kurz vor Jahresschluss der neue europäische Handelskommissar Peter Mandelson und sein amerikanisches Gegenüber Robert B. Zoellick aneinander. Die Amerikaner zögern es hinaus, zahlreiche Exportsubventionen abzuschaffen, die die Welthandelsorganisation (WTO) längst für unrechtmäßig erklärt hat. Der Kongress hatte den Subventionsabbau zwar im Oktober widerwillig beschlossen, doch soll er für den Geschmack der Europäer allzu schleppend über mehrere Jahre erfolgen. Mandelson drohte, europäische Strafzölle nicht zurückzunehmen und von 2006 an sogar neue einzuführen.

In China machen sich die Amerikaner erst recht unbeliebt. Zwar läuft am 1. Januar das internationale Quotensystem für den Handel mit Textilien aus, das arme Länder bislang beim Export in die reiche Welt benachteiligte. Doch amerikanische Textilhersteller kämpfen mit rechtlichen Tricks und politischem Druck für eine Reihe neuer Quoten und Schutzbestimmungen. Bush dürfte einlenken, zumal nach einigen Berechnungen bis zu 200000 amerikanische Jobs auf dem Spiel stehen. Der Druck ist so groß, dass China nun in vorauseilendem Gehorsam Exportsteuern auf seine Textilausfuhren erhebt.

Ein drittes Beispiel: Bush will in den kommenden Wochen sein brandneues Handelsabkommen namens Central American Free Trade Agreement (Cafta) durch den Kongress peitschen, das er mit einer Hand voll zentralamerikanischer Länder ausgehandelt hat. In den Vertragstext wurden ein paar sonderbare Regeln geschrieben. So dürfen die Zuckereinfuhren in die USA nur wenig steigen, um die Zuckerbarone aus dem Süden (einige gehören zu Bushs Großspendern) zu schützen. Eine solch schonende Behandlung für Unternehmen findet sich auch in vielen der bilateralen Handelsabkommen, die Bush in seiner ersten Amtszeit ausgemacht hat.

Ist das eine Wandlung hin zu mehr Protektionismus oder einfach business as usual? Bush ist immer schon – trotz seiner Bekenntnisse zum Freihandel und seines ernst gemeinten Bemühens etwa um die WTO-Verhandlungsrunde von Doha – ein politischer Pragmatiker gewesen. Als es politisch opportun war, schützte er Stahlwerke, Textilienhersteller, Holzfäller und Farmer durch allerlei Einfuhrsperren, Zölle, Exportsubventionen und "Buy American"- Kampagnen. Doch einige Umstände sind diesmal anders.

Vor allem ist die amerikanische Handelsbilanz unter George W. Bush erheblich aus dem Lot geraten. In den ersten zehn Monaten 2004 führten die Amerikaner Waren im Wert von 500 Milliarden Dollar mehr ein, als sie ausführten. Schlüsselbranchen – von der Autoproduktion bis zum Maisanbau, von der Flugzeugkonstruktion bis zur Bekleidungsherstellung – kämpfen gegen Konkurrenz aus dem Ausland und setzen sich inzwischen schlechter auf Exportmärkten durch. Längst bekommen Abgeordnete die Angst von Wahlkreismitgliedern und Gewerkschaftsvertretern zu spüren, dass Handelsöffnung und Globalisierung einmal mehr zur Jobverlagerung nach China, Mexiko oder Indien führen könnten. Unternehmer äußern Wünsche nach neuen Handelsbarrieren, und viele von ihnen haben im Wahlkampf gespendet.