Pfarrer Sterlicke hatte es eilig. Vielleicht musste er zur Abendmesse. Vielleicht saß ein reuiger Sünder im Beichtstuhl. Auf jeden Fall wollte er nicht länger auf die Taufpatin warten, die sich heillos verspätete. So griff Hochwürden selbst zur Feder und kritzelte, anstelle der abwesenden Analphabetin, drei Kreuzchen als Unterschrift ins Taufbuch.

Solche Handzeichen zu setzen war im Wien des 19. Jahrhunderts durchaus üblich. Viele Menschen konnten nicht lesen und schreiben und gaben auf diese Weise in offiziellen Dokumenten ihr Einverständnis. Erstaunlich ist: Die so genannten Kreuzel wurden meist nicht wahllos aufs Papier geschmiert, sondern waren wohl durchdacht und individuell gestaltet. Anna Staudacher von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat die Unterschriften der Analphabeten in den Wiener Tauf- und Trauungsmatrikeln von 1748 bis 1904 verglichen und kommt zum Schluss: Kein Kreuzel gleicht dem anderen.

Zwar waren in der Regel vor allem Kreuzchen angesagt: ein griechisches mit gleich langen Balken, ein lateinisches mit dem Balken oben, ein Petruskreuz mit dem Balken unten, ein lothringisches mit Doppelbalken oder ein Andreaskreuz: ein X-erl. Doch diese Grundformen konnten beliebig vermischt und verändert werden: Aus dem X wurde ein Alpha, aus dem Kreuz ein Psi. Punkte und Linien wurden hinzugefügt, Querbalken und Schäfte weggelassen. Die Kreuzel konnten senkrecht, waagrecht, diagonal oder in V-Form angeordnet werden.

Dem Einfallsreichtum waren – auch vonseiten der Behörden – keine Grenzen gesetzt. Die eigene "Unterschrift", oft über Jahre hinweg beibehalten, konnte nach Belieben verändert werden. So schwor der Laden-Besitzer Albert Minnetter 1855 seinen "xxx" ab, strich sie durch und zeichnete fortan mit "+xx".

Wie viele Zeichen gesetzt wurden – ihre Zahl variiert zwischen 1 und 6 –, hing weniger von persönlichen Vorlieben als von der zeitgenössischen Mode ab. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde normalerweise nur ein Kreuzel gemacht. Die Pfarrer waren auf penible Buchführung erpicht und ließen das ungelenke Gekritzel nur ungern zu. Um 1790 wurde die 1-Kreuzel-Front durchbrochen und bevorzugt 2er-Reihen aufgestellt. Kurz darauf kam es zu einem regelrechten Boom der gekreuzelten Dreifaltigkeit.

Von zaghaften Schreibversuchen wurden die Handzeichen vermehrt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts abgelöst. Die Schlossergesellengattin Anna Pflimpfl etwa strich 1860 ihre drei Kreuzchen couragiert durch und schrieb – wohl vom Pfarrer ermuntert – ihren Namen darunter.

Zu den Wiener Analphabeten zählten im 19.Jahrhundert vor allem Frauen. Besonders betroffen waren aber auch Handwerker und Tagelöhner. Zwar war die Schulpflicht längst eingeführt, doch das unstete Leben und die Arbeit in den Webereien und Seidenmanufakturen ließen wenig Zeit dafür. Wesentlich fleißiger drückten die Bauernkinder auf dem Land – unter dem strengen Blick von Pfarrer und Dorflehrer – die Schulbank.

Was die konfessionelle Aufsplitterung anbelangt, so rangieren die Katholiken an der Spitze der Analphabeten, weit vor den Protestanten (meist Teil der städtischen Oberschicht) und den Juden (vielfach Verwalter und Buchhalter). Jene Juden aber, die nicht schreiben konnten, verwendeten als Handzeichen meist keine Kreuze – schließlich war das für sie ein sehr heikles Symbol. Stattdessen kamen kleine Kreise zum Einsatz, die zuweilen an Kringel, Äpfel, Schnecken oder gar Nockerln erinnern.

Egal, ob Petruskreuz oder Euro-Zeichen, Zwetschgenkugel oder Sternchen: In offiziellen Urkunden mussten alle Handzeichen beglaubigt werden. Dann waren sie aber ebenso gültig wie jede andere Unterschrift. Das wusste auch Pfarrer Sterlicke. Und so setzte er seine Kreuzel nicht klammheimlich, sondern vermerkte ordnungsgemäß, dass er anstelle der verspäteten Taufpatin gehandelt hatte. Die kam übrigens offensichtlich doch noch angerannt – und schrieb ihre eigenen Handzeichen unter jene des Pfarrers. Denn, wie gesagt: Kreuzel ist nicht gleich Kreuzel.