Der Name kündet von der Sehnsucht nach Ordnung und Klarheit. "Idko" heißt schlicht die Gruppe jener Experten, die derzeit in Asien damit beschäftigt sind, den entstellten Opfern des Seebebens ihre Namen und damit ihre Identität zurückzugeben. Die Abkürzung steht für Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes (BKA); 45 Mitglieder der Kommission befinden sich zurzeit auf Sri Lanka und in Thailand, es sind Polizeibeamte, Zahnärzte und Rechtsmediziner, ausgerüstet mit Digitalkameras, Obduktionstischen, Skalpellen, Operationsscheren, Bandmaßen, Glasbehältern für Gewebeproben, Papiertüten für Haare und Schmuck sowie mit Formularen zur Erfassung von Merkmalen wie Tätowierungen und Piercings.

Für die Experten ist es ein Einsatz jenseits aller bisherigen Erfahrung. Die Spezialistengruppe des BKA wurde nach einem Flugzeugabsturz im Dezember 1972 auf Teneriffa gegründet, bei dem 155 Menschen starben. Damals stellte das neue Phänomen des Massentourismus die Kriminalpolizei des Bundes vor ungeahnte Aufgaben. Seither hat die Kommission in 25 Einsätzen 1408 Opfer untersucht, etwa nach dem Absturz einer Birgenair-Maschine vor der Küste der Dominikanischen Republik 1996, dem ICE-Unglück von Eschede 1998 und der Kollision zweier Flugzeuge über dem Bodensee 2002. Die Aufklärungsquote lag bislang bei über 90 Prozent.

Diesmal ist alles anders. Nach dem Seebeben in Asien werden, der Sprachregelung des Auswärtigen Amtes zufolge, "sehr deutlich" mehr als 1000 Bundesbürger vermisst, in unbestätigten Berichten ist von mehr als 3000 die Rede. Es gibt keine Passagierlisten und allenfalls schwer einzugrenzende Unglücksorte. Viele Leichen sind nach tagelangem Liegen im Salzwasser und wegen fehlender Kühlmöglichkeiten bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellt und nicht mehr nach ihrer Herkunft zu unterscheiden. Etlichen Opfern fehlt Schmuck, vermutlich wurde er gestohlen. Auch eine Identifizierung per Fingerabdruck, wie nach dem ICE-Unfall von Eschede, ist nicht mehr möglich.

Mehr als 300 Identifizierungsspezialisten aus 19 Nationen haben das Katastrophengebiet in Einsatzbereiche aufgeteilt, die Deutschen arbeiten vornehmlich in der Touristenregion um Khao Lak. Dringendstes Ziel ist die schnelle Archivierung körperlicher Merkmale und nicht die vollständige Identifizierung am Unglücksort. Die Idko-Experten fotografieren die Opfer und machen Zahnabdrücke. Für spätere DNA-Vergleiche sammeln sie Haarproben und entnehmen Splitter aus den Oberschenkelknochen. Mehr ist nicht möglich, weil sie sich in einem Zielkonflikt mit den örtlichen Behörden befinden: Die einen möchten Zeit zur Identifizierung haben, die anderen wollen Seuchen vermeiden und die Leichen möglichst schnell beerdigen. Deshalb werden die Toten jetzt mit Mikrochips versehen, mit denen sie später wieder zugeordnet werden können.

Letztlich, heißt es aus dem BKA, wird man die Leichen nur noch anhand ihrer Gene identifizieren können. Zwei Dateien entstehen: In der einen werden DNA-Analysen unbekannter Opfer aufgeführt, in der anderen DNA-Analysen der Vermissten. Polizisten in ganz Deutschland sammeln dafür in diesen Tagen Zahn- und Haarbürsten in den Wohnungen der Vermissten, nehmen Fotoalben mit. Zahnärzte werden um Gebissabdrücke Verschollener gebeten. Vermutlich wird es Monate dauern, die Ergebnisse zusammenzutragen, auszuwerten und international auszutauschen.

Die Arbeit der Idko ist nicht nur von psychologischer Bedeutung für die Hinterbliebenen, sie hat auch einen juristischen Hintergrund. Nach deutschem Recht führen Katastrophenopfer ein makabres Zwischendasein: Solange sie nicht identifiziert sind, gelten sie als vermisst, nicht als tot. Eine Todeserklärung aber ist bislang die Voraussetzung dafür, dass Lebensversicherungen ausgezahlt werden.