Als die Schlussglocke an den internationalen Börsen das letzte Mal im abgelaufenen Jahr ertönte, herrschte allseits Erleichterung – von der Wall Street über Tokyo bis hin nach Frankfurt. Es ist wieder einmal gut gegangen. Die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft haben zwar weiter zugenommen, an den Wertpapiermärkten jedoch wurden zumeist in den letzten acht Wochen des Jahres die Gewinne erzielt und gehalten – dem fallenden Ölpreis sei Dank. Fast alle großen Aktienindizes beendeten den Dezember nahe ihren Jahreshochs mit einem Kursplus zwischen sieben und zehn Prozent.

Man konnte praktisch nichts falsch machen: Ganz gleich, ob Aktien oder Anleihen, Amerika oder Europa, riskante Papiere wie hoch rentierliche Anleihen oder sichere Staatsanleihen, überall Pluszeichen. Der einzige Schönheitsfehler aus Sicht europäischer Investoren: Von den Gewinnen in Amerika blieb, in Euro gerechnet, nichts übrig, weil der Dollar fast zehn Prozent gegenüber dem Euro verloren hat.

Wird es 2005 wieder gut gehen? Wird die Herde der Investoren weiter an den Dollar als die unangefochtene Leitwährung der Weltwirtschaft glauben? Trotz der Tatsache, dass der Dollar vom eigenen Finanzminister und Notenbankchef schwachgeredet wird? Trotz einer amerikanischen Wirtschaft, die das Sparen verlernt hat und stattdessen mit ausländischem Kredit wie verrückt konsumiert? Trotz einer amerikanischen Gesamtverschuldung in Höhe von mehr als 300 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt – eine Relation, die selbst in den krisenhaften dreißiger Jahren nie erreicht worden ist?

Um diese Fragen drücken sich die meisten Analysten der großen Banken und Investmenthäuser gern herum – zu komplex müssten andernfalls ihre Antworten ausfallen. Für 2005 lautet ihre Durchschnittsprognose "verhalten optimistisch", und das bedeutet: Aktien werden gewinnen, Rentenpapiere verlieren, grundsätzlich sollten europäische Titel amerikanischen vorgezogen werden. Der Dollar werde in zwölf Monaten nicht anders notieren als zurzeit. Diese Prognose deckt sich fast aufs Haar mit derjenigen für das vergangene Jahr. Allerdings landeten die mehr als 30 vom Handelsblatt befragten Banken nur beim Dax einen Volltreffer. Daneben lagen sie beim Dollar und vor allem bei den Anleihen, denen sie Kursverluste vorhergesagt hatte. Ein Indiz für ihren Unwillen, die globalen Ungleichgewichte in ihren Kalkulationen zu berücksichtigen.

Ingnoriert man diese Ungleichgewichte, sind europäische und vor allem deutsche Aktien vergleichsweise attraktiv. Nach Berechnungen von Klaus Schlote, Aktienexperte beim unabhängigen Researchhaus Solventis, werfen rund ein Viertel der 100 größten deutschen Aktiengesellschaften Dividendenrenditen ab, die oberhalb der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegen. Das ist eine sehr seltene Konstellation, die klar für Aktien und gegen Renten spricht. Und im Vergleich zu amerikanischen Aktien sind die hiesigen Standardwerte knapp 50 Prozent günstiger bewertet.

Gold, Rohstoffe und Immobilien sollten die Portfolios ergänzen

Interessant an der Durchschnittsprognose ist auch noch ein anderer Aspekt: Trauten die Analysten im abgelaufenen Jahr dem Deutschen Aktienindex Dax noch ein Potenzial von rund zehn Prozent zu, so sind es für 2005 nur noch sieben Prozent. Sieben Prozent – obwohl die Unternehmen so gut verdienen wie zuletzt in den sechziger Jahren? Obwohl der Dax noch immer 50 Prozent weniger wert ist als im März 2000? Obwohl die Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft alles andere als düster sind? Hinter dieser neuen Bescheidenheit verbirgt sich ein Trend. Auch für Amerika und andere europäische Märkte werden im Durchschnitt nur noch einstellige Kursgewinne erwartet. Allmählich dämmert den meisten, was Gérard Piasko offen ausspricht: "Die Epoche der hohen Renditen bei Aktien und Anleihen ist vorüber." Gold, Rohstoffe und selbst Immobilien, also Realwerte, würden den Wertpapieren in den kommenden zwei Dekaden zunehmend Konkurrenz machen, meint der Chefstratege der Schweizer Bank Julius Bär und empfiehlt eine Beimischung von Realwerten, vor allem Gold für jedes Portfolio. Brachten US-Aktien in den vergangenen 20 Jahren rund 13 Prozent Rendite, so waren es in den vergangenen 100 Jahren lediglich gut neun Prozent, wie das britische Wirtschaftsmagazin Economist gerade berechnet hat. Gold dagegen warf zwischen 1984 und 2004 weniger als zwei Prozent ab, im 100-Jahre-Zeitraum dagegen etwas mehr als drei Prozent.

"Die Inflation stirbt nie", sagt Piasko. Sie verschiebe sich lediglich zwischen der Realwirtschaft und den Finanzmärkten. Auf gut Deutsch: Aktien und Renten sind, historisch betrachtet, nicht mehr günstig, die Inflationsraten zu niedrig und damit auch die Realwerte. So ging die Inflation von über zehn Prozent Anfang der achtziger Jahre auf zwei Prozent und weniger zurück. Das hat maßgeblich zum Boom an den Finanzmärkten geführt. Piasko glaubt an die langen Zyklen. Auf Inflation folge Disinflation und darauf wieder Inflation. Disinflation ist gut für die Wertpapiere, Inflation für Realwerte. Die historischen Daten geben ihm Recht, wenngleich die Gründe für die Gezeitenwechsel vielfältig sind, angefangen von Kriegen, hoher Staatsverschuldung bis hin zu Investitionszyklen. So wurde in den vergangenen zwei Dekaden einfach zu wenig in die Rohstoffkapazitäten investiert, gleichzeitig treten mit China und Indien plötzlich große Nationen in die Weltwirtschaft ein und treiben die Preise für Stahl, Öl und Kupfer, aber auch für Agrarprodukte.