Einmal, Mitte Dezember, war es besonders schlimm. Da war Anne Wills Gesicht abends das Letzte, was ich bei vollem Bewusstsein sah – und morgens das Erste. Abends war es noch ganz nett gewesen, da hatte sie wie üblich am Schluss der Tagesthemen noch mal kurz die linke Augenbraue hochgezogen, sich verabschiedet – und dann gute Nacht. Klammer auf: Das mit dem Augenbrauenhochziehen, das trainieren sie bei den Tagesthemen offenbar in der Betriebssportgruppe; Klammer zu. Aber als ich dann am nächsten Morgen um kurz vor sechs schlaftrunken in den ICE Sprinter nach Frankfurt stieg, noch etwas irritiert darüber, tatsächlich wach zu sein, da war sie schon wieder da. Putzmunter. Ungefähr zweihundertmal. Sie ruhte auf den Tischen. Sie lag auf den Sitzen. Sie baumelte zwischen den mit Angelschnur festgeknoteten Werbeschriften der deutschen Stahl- und der deutschen Papierindustrie. Und trotzdem schien es ihr blendend zu gehen. Dass sie mir schon zwei Wochen vorher hundertmal hallo gesagt hatte, als ich in Hamburg in den Zug gestiegen war – das hatte ich noch akzeptiert. Dass sie selbst, als ich nur einmal kurz nach Wolfsburg musste, überall herumlag, empfand ich schon als unnötig. Dass sie mich dann bei einem Gang zum Bordrestaurant in einem fast leeren Zug mit demselben leicht spöttischen Lächeln anschaute, als ich wenige Tage später nach Köln reiste, da war ich der nervlichen Zerrüttung nahe. Und als sie dann an diesem Morgen um sechs Uhr in der Früh schon wieder hundertfach im Zug nach Frankfurt saß, lag und stand, obwohl sie ja nachweislich am Abend zuvor bis spät in die Nacht moderiert hatte, da war es dann einfach zu viel. Ich will ja schließlich nicht morgens um sechs Hase und Igel spielen, sondern Zug fahren. Wenn neue H&M-Plakate aufgehängt werden oder zu viele Redakteure das "Dschungelcamp" geschaut haben, wird ja immer wieder vor der Masse der Bilder gewarnt, mit der uns Fernsehen und Werbung täglich konfrontieren. Doch das ist läppisch gegen die Titelbilder von DB mobil, der Zeitschrift der Deutschen Bahn.

Der Dezember also war mein sehr langer Monat mit Anne Will (davor hatte ich sie eigentlich sehr gemocht). Im November war ich unterwegs mit Tom Hanks (zum Glück schon vorher eher egal) und im Oktober mit Karl Lagerfeld (erstaunlich haltbar). An den Juni mit Stefan Raab kann ich mich schönerweise gar nicht mehr richtig erinnern. Unglaublich war der August: Man sah mindestens jeden Abend Johannes B. Kerner im Fernsehen – und jeden Tag im Zug grinste er vom Titelbild der DB mobil, dazu die sadistische Schlagzeile: Immer auf Sendung. Selten haben Bildwirkung und Inhalt präziser harmoniert. Unglaublich und besonders perfide ist, wie es den Grafikern gelingt, dass jedes Cover gleich aussieht – derselbe Kopfausschnitt, dieselbe Hautfarbe, dieselben Lichteffekte auf den Augen –, und man deshalb frühestens auf den zweiten Blick feststellt, dass das gar nicht mehr Johannes B. Kerner ist, sondern längst Sabine Christiansen. Und wofür das alles? Was will ich am Ende des Jahres mit der Bahncomfort-Karte, wenn ich vorher die Nerven verloren habe?

Sehr verstehen kann ich die arme Corinna Harfouch, unser Covermodel im September: Im Editorial der Zeitschrift konnte man lesen, dass sie Scheu hatte, porträtiert zu werden, "gerade weil sie passionierte Bahnfahrerin ist. Denn im September im Zug immer das eigene Gesicht zu erblicken, das ist ihr nicht ganz geheuer." Nicht ganz geheuer ist gut. Ich denke, das bringt einen an den Rand des Wahnsinns.

Es war insofern nicht überraschend, dass im September gemeldet wurde, Miss September Corinna Harfouch habe sich ein Haus gekauft. Es handelt sich vermutlich um ein Schneckenhaus. Nun, im Januar, dürfen wir einen ganzen Monat mit Götz George durch die Gegend fahren. Auf den ersten Blick sah sogar er auf dem Cover sehr wie Sabine Christiansen aus. Aber wir wissen ja: Das legt sich.

Noch ist die Situation im Lande trotz des visuellen DB mobil- Terrors glücklicherweise unter Kontrolle. Und zwar dank der Fähigkeit der deutschen Bevölkerung zum zivilen Ungehorsam. Mit harschem Ausrufezeichen zwar werden tagtäglich Millionen Bahnkunden dazu aufgefordert, die Sättigungsbeilage DB mobil in das Gemeinwesen einzuschleusen: "Ihr persönliches Exemplar zum Mitnehmen!" lautet der ausdrückliche Befehl am oberen Rand des Titelbildes. Dieses "Nimm mich mit!" hat ungefähr dieselbe Poesie wie das nächtliche "Ruf mich an!". Doch obwohl sie Monat für Monat im Zug dem visuellen Gleichschaltungsterror ausgesetzt sind, verweigern sich die Bahnfahrer dem blinden Gehorsam. Würde Gerhard Schröder mehr Zug fahren, hätte er im Sommer wohl nie die weit verbreitete Mitnahme-Mentalität der Deutschen angeprangert. Wir nehmen staatliche Leistungen mit, wo man sie kriegen kann, auch wenn es eigentlich ein ausreichendes Arbeitseinkommen gibt? Von wegen! Bei DB mobil zeigt die Bevölkerung, dass sie längst auf den wirtschaftspolitischen Zug von Gerhard Schröders Agenda 2010 aufgesprungen ist: Sie ist die einzige staatliche Leistung in Deutschland, die niemand mitnehmen mag.

DB mobil bleibt somit immobil. Noch nie wurde ein Exemplar in freier Wildbahn gesichtet. Es tritt – so wissen die fürsorglichen Bahnkunden – lieber in Rudeln auf und ist außerhalb der Sichtweite seines dezenten kleinen Bruders, des Faltblatts "Ihr Zugbegleiter", nicht überlebensfähig.

Warum also tut die Bahn uns das an? Sie will sich ihren Platz in den Kunstgeschichtsbüchern sichern. Denn DB mobil hat alle Chancen, zur einzig legitimen Nachfolgerin Andy Warhols zu werden. Es war keine Revolution, vierzig Jahre nach Marcel Duchamp eine Suppendose zu malen. Aber es war eine Revolution, die Mechanismen der Suppenproduktion auf die Gemäldeproduktion zu übertragen. So ist es auch keine Revolution, einen Fernsehstar auf das Cover einer Zeitschrift zu nehmen. Das Revolutionäre liegt daran, das Cover so allgegenwärtig zu machen, dass die Mechanismen der Starproduktion durch das Prinzip der Überproduktion ad absurdum geführt werden. Andy Warhol nahm Marilyn und die Suppendose aus den Massenmedien und zeigte sie auf seinen Werken mehrfach und ließ dann diese Werke mehrfach reproduzieren. Aber die Verbreitung beschränkt sich bis heute auf Museen, Kunstkataloge, Postershops. DB mobil jedoch erreicht jeden Monat neu eine einmalige Form von Omnipräsenz. Und da die Zeitschrift bei Warhol gelernt hat, dass die massenhafte Verbreitung einer Kunst nichts anhaben kann, wenn man sie dagegen imprägniert, erhöht die Redaktion die Penetranz der Coverbilder noch durch Schlagzeilen a la Immer auf Sendung oder Volle Präsenz (bei Covergirl Sabine Christiansen). Da der Bedeutungsverlust durch Multiplizierung bei DB mobil wie bei Andy Warhol ohnehin die Grundbedingung jedes Werkes ist, sorgt jede Form von Multiplizierung nur für neue Bestätigung.

Andy Warhols größter Lebenswunsch war genau dies: die Allgegenwärtigkeit. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht. DB mobil hat diesen Traum verwirklicht.