Hin und wieder erschrecken uns Meinungsforscher mit der Behauptung, bis zu 20 Prozent aller Deutschen hegten antisemitische Vorurteile. Wer sind sie, wo sind sie? Wir kennen sie nicht und vermuteten sie bei den NPD-Wählern, bei den "Glatzen" und am rechten Rand der Möllemann-FDP. Aber dann schrieb der emeritierte Frankfurter Medizinprofessor Dr. Harald Förster einen Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung, und zum bösen Jahresende ging uns ein Licht auf. Bürgerlicher Antisemitismus tarnt sich inzwischen als reine Fürsorge für die Juden.

Der FAZ- Leser betrauert den Schaden, den das "Dritte Reich" durch die Ermordung "der sich als Deutsche fühlenden jüdischen Intelligenz angerichtet hat". Sehen wir von den deutschen Schustern oder Schlossern jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft ab und von den fünf Millionen vernichteten Juden, so bleibt doch die Gewissheit: Deutsch war die "jüdische Intelligenz" für Herrn Förster nicht. Sie fühlte sich nur so. Dieser Irrtum wurde ihr bekanntlich von den zuständigen Rasseämtern ausgetrieben.

Natürlich "bekennt sich", so der Frankfurter Medizinmann, "das deutsche Volk uneingeschränkt zu Verantwortlichkeit für den Holocaust", aber leider, so fährt er fort, teile der "Staat Israel" diese verspätete Verantwortungsethik nicht, was man angesichts der "völkerrechtswidrigen Verbrechen an den Palästinensern" erkenne. Und warum sind die Juden so störrisch? Weil sie "dem Irrglauben der zur Rechtfertigung irdischer Untaten dienenden göttlichen Auserwählung seit mehr als 3000 Jahren unverändert und uneinsichtig anhängen". Sie sind also wie die Nazis, die, so Förster, zwölf Jahre lang ebenfalls dem Aberglauben erlagen, ein "auserwähltes Volk" zu sein. Diese Anmaßung hätten die Deutschen "bitter bezahlt". Die ermordeten Juden natürlich auch. Aber das hatte er schon erwähnt.

Was also will uns der Leserbrief-Autor sagen? Ganz einfach dies: Die Juden seien am Holocaust schuld, wie man an der Politik Israels erkennen könne? "Irgendwie" schon – doch das ist eine verschwurbelte Denkfigur, die in der CDU zum Parteiausschluss führen kann, aber eine Professur nicht ausschließt. Aber nein, wehrt sich der Volksarzt ganz präventiv gegen einen Vorwurf der Volksverhetzung, sind denn "bereits Zweifel an dieser einzigartigen göttlichen Auserwählung Antisemitismus, sind Zweifel an der daraus abgeleiteten angemaßten Weltrichterrolle und der unverändert beanspruchten zukünftigen Weltherrscherrolle der jüdischen Gutmenschen Antisemitismus?" Also, wenn Sie schon fragen, Herr Professor: So, wie Sie fragen – allerdings, und zwar in seiner plattesten Form.

Indes, ganz fürsorglich bietet er dem arroganten Judenvolk gefühltes Asyl an: "Sobald Juden in Deutschland letztendlich auch Deutsche sein wollen und als Deutsche in Deutschland gemeinsam mit an der Schuld für den Holocaust tragen, ist dem in Deutschland kaum vorhandenen Antisemitismus der Boden endgültig entzogen." Anders gesagt: Gebt zu, ihr Juden, dass ihr euch selbst in die Vernichtungslager geschickt habt, tut Buße, teilt endlich die Verantwortung am Völkermord und grenzt euch nicht länger aus dem Volk der ehemaligen Antisemiten aus. Werdet selbst welche!

Nun fragt man sich, wie zum Fest der Liebe derart idiotisch verdruckster Quark in das Hofblatt der Republik geraten konnte. Bis man den Leitartikel derselben FAZ- Ausgabe am vorigen Donnerstag liest: "Der Bundeswehr", heißt es da, "ist stets verwehrt geblieben, was den deutschen Armeen vor ihr ebenso wie denen der anderen großen Nationen Moral und Kraft gegeben hat: Sie durfte nie eine stolze Armee sein."

Moral, Kraft und Stolz der Wehrmacht? Herr Professor Förster, Sie sind nicht allein.