Der Hausarzt kennt seine Pappenheimer. Er weiß genau, was ihnen fehlt. Frau Müller zum Beispiel. Die ist übergewichtig, hat ein Schilddrüsenproblem, Bluthochdruck und nimmt die Pille. Der Fall ist unübersichtlich, und der Doktor hadert mit der Therapie für die Patientin – deshalb sucht er Rat bei der Wissenschaft.

Frau Müller aber kommt in den fernen Universitäten nicht vor. Hochschulmediziner, Statistiker und Aktenforscher gewinnen ihre Erkenntnisse nämlich mit DIN-Patienten. Geht es um Bluthochdruck, sollten bitte bloß solche Menschen an den Versuchen teilnehmen, die nur am zu hohen Druck in den Adern kränkeln. Mit multimorbiden Probanden, die zugleich gegen mehrere Krankheiten behandelt werden, können die klinischen Forscher wenig anfangen – die verfälschen die Ergebnisse. Nach ihren Versuchen tragen die Universitätsärzte ihre Beute dann in ihren Bau, die Statistiker legen dort die vielen einzelnen Erkenntnisse zu Meta-Analysen zusammen, die noch ein bisschen genauer und noch ein wenig genormter sind. Der Gipfel der Abstraktion sind neuerdings Meta-Meta-Analysen. In diesen Wolkenkuckucksheimen der medizinischen Wissenschaft suchen die Forscher nach der Wahrheit, nach Therapieempfehlungen, die bis zu Frau Müller und ihrer Schilddrüse gelten sollen. DIN-Patient trifft auf Pappenheimer. Das Resultat kann hilfreich sein, muss es aber nicht.

Beim Versuch, die Statistik immer wasserdichter zu machen, geht der wirkliche Patient öfter verloren. Das wusste schon Archie Cochrane, einer der Väter der rigorosen statistischen Betrachtung in der Medizin. Jetzt beleuchtet The Lancet gleich in fünf Artikeln die große Frage: "Wie bringe ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse ans Individuum?" Als Erstes kritisiert das Journal, dass viele Studien schon in der Anlage die realen Umstände ignorieren: Sie werden in Kliniken durchgeführt und nicht in Praxen, dort sind Mehrfachkranke wie Frau Müller die Regel, nicht die Ausnahme. Und die Behörden verlangen von den Pharmafirmen keine Beweise, dass ihre Medikamente auch im harten Praxisalltag helfen.

Die Studiendesigner sollten sich also mehr von den Praktikern beraten lassen. Unter Umständen kann es eben doch richtig sein, einem Patienten das verfemte Vioxx zu geben. Der straffe statistische Ansatz ist sicher nützlich. Doch es ist Zeit, dass auch die Erfahrung des Praktikers in der Medizin wieder zu ihrem Recht kommt. "To perform the art, to know the science" – die praktische Kunst ausüben, die Wissenschaft kennen – heißt deshalb die Devise.Harro Albrecht