Ungewöhnlicher Andrang bei der Agentur für Arbeit in Kiel. Draußen vor dem roten Backsteinbau versammeln sich 80 junge Leute mit Kapuzenpullis, Transparenten und Megafonen. Unüberhörbar skandieren sie: "Alles für alle – und zwar umsonst!" Polizisten hindern sie daran, in das Gebäude einzudringen.

Drinnen, im dritten Stock der Arbeitsagentur, drängen sich derweil Menschen ohne Job, deren Forderungen einfacher zu erfüllen sind. Leute wie Niels Schnaack zum Beispiel. Der 26-Jährige will nur, was ihm zusteht: das neue ArbeitslosengeldII, das ihm versprochen wurde, aber bisher nicht auf seinem Konto eingegangen ist. 345 Euro für seinen Lebensunterhalt plus 310 Euro für die Wohnung. "Ich bin blank", sagt Schnaack, der bisher Sozialhilfe bekam. "Und ich kann nicht einmal überziehen, meine Bank gibt mir keinen Dispo."

Im Flur, wo es Geld geben soll, hocken alte Männer am Boden. Kinder schreien. Wer Hilfe sucht, muss erst einmal eine Wartenummer ziehen. Nach Prüfung des jeweiligen Falls geben Behördenmitarbeiter Verrechnungsschecks aus, 25 Euro "Erstversorgung" pro Kopf einer so genannten Bedarfsgemeinschaft. Das Prozedere ist umständlich. Es dauert eine Weile, dann hat die Agentur eine einfachere Lösung organisiert: Die Betroffenen werden zur nächsten Bank geschickt, dort erhalten sie gegen Vorlage ihres Arbeitslosengeld-II-Bescheids 100 Euro ausgezahlt. Nach Absprache mit der Agentur für Arbeit verzichten die Kreditinstitute darauf, den Betroffenen Überziehungszinsen oder andere Gebühren in Rechnung zu stellen.

Start der umstrittenen Arbeitsmarktreform in Kiel. Der erste Werktag mit Hartz IV beginnt mit einer kleinen Demo und kurzer Verwirrung – das große Chaos aber bleibt aus. Von den 20000 Arbeitslosen hier sind, genau wie im Bundesdurchschnitt, 40 Prozent langzeitarbeitslos, zudem hat die Stadt einen hohen Anteil erwerbsloser Sozialhilfeempfänger. So ähnlich wie in Kiel begann das Hartz-Jahr in vielen anderen Städten.

Im vergangenen Sommer warnte CDU-Chefin Angela Merkel, Hartz IV könne zur "Maut im Quadrat" werden. Schlimmer noch als die Blamage mit der Autobahngebühr. Nun sind die beiden Megaprojekte der Bundesregierung zeitgleich gestartet, und es zeigt sich: Die Arbeitsmarktreform startet zwar holprig, aber ohne Drama – und selbst Toll Collect scheint auf einmal zu funktionieren. Ein gutes Omen für Rot-Grün und für die anstehenden Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen?

Erst vor wenigen Tagen ging Gerhard Schröder unverhohlen auf Distanz zu Hartz IV. Der Kanzler, der Anfang des abgelaufenen Jahres noch mit Zigtausenden roter Fibeln (agenda 2010 – Deutschland bewegt sich) für seine Reformen geworben hatte, machte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement für den Erfolg der Arbeitsmarktreform verantwortlich. Kommentatoren erkannten darin die kaum kaschierte Absicht, rechtzeitig einen Sündenbock zu benennen, falls die Reform fehlschlägt. Fürchtete der Kanzler womöglich kurz vor dem Starttermin doch noch das große Chaos – oder neue Massendemos wie im abgelaufenen Jahr?

Kleinere Demos, radikalere Teilnehmer, diffusere Ziele

Proteste gegen Hartz IV gab es auch an diesem Wochenanfang, doch mit den Montagsdemos des Spätsommers hatten sie wenig gemein. Während damals zeitweilig mehr als 100000 Menschen auf die Straßen gingen, zogen an diesem Montag in Leipzig oder München gerade mal 50 Demonstranten vor die Arbeitsagentur, in Frankfurt am Main waren es 80. Rund 100 Hartz-Gegner besetzten in Hamburg eine Nebenstelle der Agentur, in Münster warf jemand stinkende Buttersäure in einen Amtsbriefkasten, und in Berlin griffen Demonstranten aus der autonomen Szene Polizeifahrzeuge an, 15 Aktivisten wurden festgenommen. Das war aber auch schon der aufsehenerregendste Part in einer über die Republik verstreuten Reihe von Minidemos.