Chennai/Indien

Wie viele andere Gläubige wollte auch Cynthelyn Joseph die Weihnachtstage in Velankanni verbringen, am Meer. Dort steht eine Marienkirche, in der katholische Pilger, aber auch Hindus beten. Doch am ersten Feiertag wurde das Baby von Cynthelyns Freunden krank, und alle kehrten vorzeitig zurück nach Chennai, das einst Madras hieß und die Hauptstadt des indischen Bundesstaats Tamil Nadu ist. "Das hat unser Leben gerettet", sagt die zierliche 30-Jährige.

Kurz nach ihrer Abreise rollte die Sintflut über den Strand von Velankanni. Tosende Strudel spülten Leichen vor die Stufen der Kirche. Hunderte. "Ich fühle mich schuldig, weil ich noch da bin", sagt Cynthelin. Am Morgen der Flutkatastrophe meldete sie sich bei der Hilfsorganisation Action Aid, wo sie einmal ein Praktikum absolviert hat. Seither begleitet sie jeden Tag Medikamentenlieferungen und Ärzteteams ins Katastrophengebiet.

In gewöhnlichen Zeiten engagiert sich Action Aid dafür, die Lebensverhältnisse der Armen auf dem Land zu verbessern, etwa mit ertragssteigernden Techniken. Doch seit dem 26. Dezember ist diese Nichtregierungsorganisation (NGO) eine von Hunderten in Indien, die in der rund 2500 Kilometer langen Katastrophenlandschaft schon viele Opfer retten konnten. Was sie stark macht, ist ihre internationale Vernetzung und die Verwurzelung bis in jedes Dorf. Sie stellen einen Gutteil zahl- und namenloser Helfer, die man auf den Fernsehbildern neben Polizisten und Soldaten die Toten beerdigen oder Tetanusspritzen verabreichen sieht.

Gespenstische Stille, wo nicht die ersten Bagger lärmen

Auch heute, am Neujahrstag, ist Cynthelyn unterwegs. Unwirklich erscheint auf dem Weg von Chennai ins 170 Kilometer weiter südlich gelegene Cuddalore das Nebeneinander von Mittelstandsalltag und existenziellem Absturz. Am Rande des Küsten-Highways werben haushohe Plakate für die "Life Insurance of India", nur ein paar Meter von notdürftigen Camps aus Stöcken und blauen Plastikplanen entfernt. Im Auto wummern die Rhythmen der Kinoschnulzen in der Landessprache Tamil. Auf den Sandwegen, die zu den zerstörten Fischerdörfern führen, schaltet der Fahrer seine Lieblingshits dann aber doch aus.

Gespenstische Stille, wo nicht die ersten Bagger lärmen und Straßenarbeiter begonnen haben, das Chaos zu räumen. Medizinstudenten mit Mundschutz finden immer noch verweste Leichen unter Bergen aus Müll und Schutt. Die Menschen warten in langen Schlangen vor Lkw auf Reispakete, Holzkohle, Desinfektionstabletten, Decken. In Pudhupettai stehen sie für einen Masseur an. Er soll ihre Muskelschmerzen lindern, die sie vom panischen Weglaufen bekommen haben.

Frauen umringen die Helfer von Action Aid. "Unsere Männer haben Angst vor dem Meer", klagt eine im glutroten Sari, "wovon sollen wir jetzt leben?" Andere hocken auf dem Boden und starren ins Leere oder beten stumm.