DIE ZEIT: Frau Breth, das deutsche Theater traut sich an das größte Stück Schillers nicht heran, an denWallenstein. Sie wollen ihn nun spielen?

Andrea Breth: Ja, wir trauen uns jetzt. Gert Voss wird 65 Jahre alt, und das ist ein wunderbarer Anlass. Er wird den Wallenstein spielen. Wir werden es brav mit allen drei Teilen machen, an einem riesigen Stück, fragen Sie mich nicht, wie. Wir werden es fünf oder sechs Monate lang probieren und 2006 am Wiener Burgtheater herausbringen.

ZEIT: Der Wallenstein gilt als unaufführbar.

Breth: Den Wallenstein können Sie im Grunde genommen nur noch an so einem Haus machen wie dem Burgtheater. Die anderen Häuser haben gar nicht mehr die Quantität der Schauspieler – abgesehen von der Qualität. So wie derzeit bei den Theatern eingespart wird, bedeutet das, dass viele große literarische Werke auf der Bühne gar nicht mehr machbar sein werden. Ich habe mir neulich mit riesigem Schrecken angehört, wie viele Ensemblemitglieder Elisabeth Schweeger am Schauspielhaus Frankfurt noch finanzieren kann. Dort sind, glaub ich, noch 23 Schauspieler. Damit können Sie Wallenstein in einer Shortcuts-Fassung spielen. Wenn wir noch meinen, dass diese Werke unser kulturelles Gedächtnis sind, dann wird das schwierig. Mich stört das noch, wenn eine Bibliothek verbrennt oder niedergebrannt wird – das ist unwiderruflich weg. Das Gleiche wird dann auf den Theatern passieren: Entweder werden die Theater selbst verschwinden, oder es wird die Ensembles nicht mehr geben, die nötig sind, um solche Werke zu spielen. Obwohl wir auf der anderen Seite Schauspieler in Massen ausbilden.

ZEIT: Die dann in Soaps mitspielen…

Breth: Wo die jungen Schauspieler dann bleiben sollen außer im Miesfernsehen, das ist mir unklar. Angesichts der zunehmenden Trivialisierung der Gesellschaft fragt man sich ohnehin, ob man überhaupt Schiller noch machen kann, ob den noch jemand wirklich versteht – mal abgesehen vom Plot, den man gerade noch begreift.

ZEIT: Ein Drama von Schiller kann man beim ersten Hören doch gar nicht verstehen; man müsste es vorher gelesen haben – langsam wie Lyrik. Ein Publikum, wie Sie es sich wünschen, wäre eines, das im Theater dem Text wiederbegegnet. Dieses Publikum, so klagen Sie aber, gibt es kaum mehr.