Gleich in den ersten Tagen nach der Katastrophe wies Unicef darauf hin, dass die Kinder unter den Opfern des Seebebens am schwersten betroffen sind. Angesichts der chaotischen Zustände in vielen Notunterkünften und den isolierten Dörfern ist die Zahl der Waisenkinder noch unklar. Doch die Hilfsorganisation geht von 1,5 Millionen Kindern aus, die auf dringende Hilfe angewiesen sind. Nach der Flutwelle lauert aber bereits eine neue Gefahr, eine, die von Menschen ausgeht: Es wird über Missbrauch und Verschleppung von Kindern in den Katastrophengebieten gesprochen.

"Es gibt besorgniserregende Berichte über Erwachsene, die alleinstehende Kinder auf der Straße ansprechen", sagt Christian Schneider von Unicef Deutschland. Aus Sri Lanka gäbe es Gerüchte, dass Kinder in den überfüllten Notunterkünften missbraucht worden seien. "Thailand und andere Länder aus der Katastrophenregion sind Drehscheiben für den Handel mit Kindern, und wir wissen aus anderen Krisenlagen, dass skrupellose Menschenhändler solche Situationen nutzen, um schutzlose Kinder zu missbrauchen." In der indonesischen Krisenprovinz Aceh sind mehrere tausend Kinder, oft schwer traumatisiert, noch völlig schutzlos und auf sich selbst gestellt. Nach Presseberichten sollen Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren von Unbekannten per SMS angeboten worden sein.

Schulen und Registrierung gegen Missbrauch

Nun wollen die Vereinten Nationen als Schutz gegen Menschenhändler alle potenziell betroffenen Kinder registrieren. Dazu werden in den kommenden drei Wochen 20 Schutzzentren in Aceh errichtet; das erste ist in der Provinzhauptstadt Banda Aceh bereits seit Dienstag im Einsatz. Zudem hat die indonesische Regierung ein Ausgangsverbot für alle Personen unter 16 Jahren verhängt. Auch der Aufbau von 600 Notschulen durch die Unicef soll vor Missbrauch schützen. Am 1. Februar wird der Schulbetrieb aufgenommen, um den Kindern inmitten der Verwüstung einen geregelter Tagesablauf zu geben.

Die psychischen Schäden, die die Katastrophe verursacht hat, sind dramatisch. Viele Kinder sind traumatisiert, können nicht sprechen und starren regungslos auf das Meer, in dem ihre Eltern möglicherweise verschwanden. In einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht äußert sich Unicef besorgt hinsichtlich der seelischen Verfassung der Kinder: "Sie leiden unter einem fürchterlichen Schock. Viele warten nach wie vor auf ihre Eltern und begreifen einfach nicht, was geschehen ist. Sie brauchen dringend Schutz und Zuwendung", wird Unicef-Mitarbeiter Martin Dawes aus Sri Lanka zitiert.

Experten raten von Adoptionen ab

Die Regierungen von Indonesien und Sri Lanka haben bis auf weiteres auch Adoptionen verboten und kommen damit einer Forderung verschiedener Kinderhilfswerke nach. Diese befürchten, dass die adoptierten Kinder sexuell missbraucht werden könnten. Dazu ist im Augenblick noch keine intensive Prüfung der persönlichen Hintergründe möglich, um sicherzugehen, dass die Waisen nicht bei Verwandten leben können. "Gerade in der jetzigen Situation muss aber in jedem Einzelfall sorgfältig sichergestellt werden, dass es zur Adoption ins Ausland keine sinnvolle Alternative gibt", sagt Maria Holz von terre des hommes. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) äußerte sich zudem skeptisch über persönliche Patenschaften. Die Organisationen, die solche an sich sinnvollen Patenschaften seriös vermitteln könnten, seien im Moment ganz von den unmittelbaren Hilfsarbeiten vor Ort in Anspruch genommen. (AXW/CK mit dpa, afp)