Unvorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der man die Kunst für das Höchste im Leben gehalten hat, höher als alle Geschäfte, höher als alle Wissenschaft! Groß und bedeutend und unübersehbar platziert im Zentrum der menschlichen Existenz. Man kann Schiller unlesbar finden, zumal diese gedankenbrecherischen, begriffsrasselnden Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen . Aber unmöglich kann man sein Herz vor der Kühnheit dieses Gedankens verschließen. Was immer wir dem großen Manne vorwerfen – den Starrkrampf seiner Verse, das Gipserne seines Schönheitsideals, das Schachfigurenartige seiner Charaktere –, Ruhm gebührt ihm, die Kunst dahin gestellt zu haben, wo sie hingehört: auf den Königsthron der Gesellschaft.

Fragen wir, wer heute auf diesem Thron Platz genommen hat, werden uns verschiedene Anwärter in den Sinn kommen: der Körper und alle, die sich so rastlos um sein Wohlergehen mühen, die Unterhaltung und die um sie besorgte Enter- und Infotainment-Industrie, die Wirtschaft und ihr Wachstumskatechismus, die Technik und ihre Heilsversprechen – die Kunst und ihr Wahrheitsanspruch werden kaum dabei sein.

Das, merkwürdig genug, war zu Schillers Zeiten nicht anders. Darum beginnen die Briefe Über die ästhetische Erziehung auch mit einem Bocksgesang über die Kunstferne, die Verwahrlosung und Verfallenheit der Gegenwart, den man am liebsten schon morgen in einem Hamburger Nachrichtenmagazin zustimmend beseufzen möchte. Wie nah ist uns Schillers verzweifeltes Gejaule über die unrühmlichen seelischen Folgen der technischen Revolution. Von der "Zerrüttung" des inneren Menschen, seinem "kalten Herzen", seinem "Geschäftsgeist", der "Zerstückelung" des menschlichen Wesens geht seine klagende Rede.

Die Menschheit mag von dieser Zerrissenheit in der arbeitsteiligen Moderne Vorteile erfahren, der Mensch als solcher kann unter dem "Fluch dieses Weltzweckes" nur leiden, ist in seiner Natur, seiner natürlichen Harmonie und ursprünglichen Vollkommenheit tief gestört. Wir alle wissen, wovon der Mann spricht. Der technische Fortschritt erleichtert das Leben im selben Maß, wie er den Lebenssinn verödet. "Und so wird denn allmählich das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das abstrakte Ganze sein dürftiges Dasein friste." Im Grunde sind wir in dieser Sache keinen Schritt weiter.

Trotz Schiller. Trotz seiner großartigen Kunstidee, na ja, man muss leider ein wenig piefig und Pisa-mäßig hinzufügen – Kunsterziehungsidee als der großen Befreierin der Menschheit. Eine mitreißende Utopie: Freiheit durch Kunst, Erziehung zu einer von allen äußeren und inneren Zwängen unabhängigen Menschenart, die allmähliche Hervorbringung der vollständig entwickelten idealistischen Persönlichkeit. So in etwa das Programm. Was der Französischen Revolution missraten war, sollte die Kunst auf dem zweiten Bildungswege richten. Das Kunstschöne war der Vorgeschmack auf das ganz große politisch-ästhetische Gesamtkunstwerk, das Überall-Schöne: die Befreiung des Menschen von unmenschlichen, sprich unschönen Daseinsbedingungen. Eine Revolution, die sich auf den Samtpfoten der Fiktion heranschleicht. Und eine große Aufgabe, vielleicht ein bisschen zu groß für die Kunst, die, wie wir Nachgeborenen glauben, erst dann unverwechselbar und ganz Kunst ist, wenn sie so unverbindlich, unberechenbar und flüchtig wie das Leben ist, dem wir heutzutage auch nicht mehr allzu viel zumuten möchten.

So großspurig dachte auf Erden niemand außer ihm

Wenn wir heute Lebensvermeidungskünstler geworden sind, so war Schiller ein Lebensüberforderungsmensch. Jemand, der das Unmögliche, die "höchste Erweiterung des Seins", so selbstverständlich verlangte wie unsereins den Krankenkassenschutz. Die Freiheit, die Unsterblichkeit, die Erhabenheit über alle Qualen der sozialen und biologischen Beschränkung! Großspuriger war auf Erden nicht zu denken, so im Flug, so selbstüberheblich und immer mit einem unhörbaren Lied auf den Lippen. Manchmal möchte man ihn mütterlich zur Seite nehmen, ihm schonend beibringen, dass wir heute irgendwie auch ohne Freiheit und Unsterblichkeit halbwegs zurechtkommen.