Urlaub fühlt sich anders an. Da kauert man nicht mitten in der Nacht zu acht in der Abflughalle und fragt einander aus. Da muss man keine Erklärung unterschreiben, dass man gegen den Rat des Veranstalters diese Reise antritt und Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt. Da heißt es nach der Abfertigung nur "Guten Flug" und nicht "Kommen Sie gesund wieder". Die Flutkatastrophe beschwört eine Zeit herauf, als die Karte vom Indischen Ozean noch weiße Flecken hatte und nur wenige Abenteurer zu ihnen aufbrachen. Und ausgerechnet bei einem der exklusivsten aller Urlaubsziele dort ist diese Vergangenheit noch nicht überwunden.

Neun Stunden dauert der Flug von Frankfurt auf die Malediven und zehn Minuten die Überfahrt vom Flughafen nach Male. Male ist unumstritten die Hauptstadt der Atollgruppe an der Südspitze des indischen Subkontinents. Es gibt gar keine anderen Städte, nur 1190 kleine bis winzige Inseln, von denen 200 bewohnt sind. Male sieht aus, als hätte man die City einer Großstadt genommen und mitten ins Wasser gesetzt. Ein Drittel aller Malediver drängt sich hier, wenige Meter vom Wasser.

Die Fähre passiert einen Damm, in den breite Breschen geschlagen sind. Die Malediven waren mit die Ersten unter den Katastrophengebieten, die die Flut meldeten. Sie konnten es, weil ihnen das Schlimmste erspart blieb. Längst haben andere Länder sie aus den Weltnachrichten verdrängt. Die Zahl der Toten steigt auch hier jeden Tag weiter – aber im zweistelligen Bereich, ohne grobe Schätzungen und jähe Sprünge. Von 82 Toten ist die Rede. Und im Vergleich wirkt das beinahe so, als wäre die Lage schon unter Kontrolle.

In Male gießt es in Strömen. Gut so, sagt Sunan. Die Frauen der Stadt sammeln das Regenwasser in Flaschen und schicken es an die Bewohner der Inseln, deren Brunnen von der Flut versalzt worden sind. Sunan ist ein netter Macho von 27 Jahren. Er stellt sich als Volleyballnationalspieler vor. Aber von Zeit zu Zeit führt er auch Touristen. Die Stadtführung erfolgt auf dem Mofa, dem schnellsten Verkehrsmittel in Male. Wenn Sunan damit durch die engen Straßen knattert, rufen seine Freunde ihm seinen neuen Spitznamen nach: Tsunami.

Es ist eine undurchschaubare Mischung aus Heiterkeit und Trauer, der man zurzeit im Land begegnet. Die Hemden sind so bunt wie die Unterwasserlandschaft, der die Malediven ihre Beliebtheit verdanken. Zwei junge Frauen vom Sicherheitsdienst patrouillieren Händchen haltend über den Flughafen. Ein Australier mit Sarong über dem Gipsbein humpelt mit dem Stolz eines Veteranen umher. Einheimische schütteln einem auf der Straße die Hand: "Danke, dass Sie unser Land besuchen."

Sunan bringt den Besucher zur Volleyballhalle, in der jetzt die Hilfsdienste koordiniert werden. "National Disaster Management Center" steht wichtig über dem Eingang. Drinnen sitzen an die fünfzig Helfer mit Laptops und Telefonen. Hussain Shareef, der Leiter des Zentrums, ist ein amtlich aussehender Mann mit Lesebrille, der beim Sprechen unausgesetzt in einer Mappe voller bekritzelter Faxe und Visitenkarten kramt. "Wir wurden vollkommen überrascht", sagt er. "Als mein Büro anrief, um mich zu warnen, stand mein Wagen schon knietief im Wasser." Nun sind 20 Inseln unbewohnbar, 10.000 Häuser zerstört, 100.000 Menschen obdachlos. "Einige sind in Auffanglagern, manche schlafen auf Booten, die meisten", der Katastrophenmanager blättert in seiner Mappe, als ob dort das passende Wort stünde, "die meisten sind einfach da." Wie oft hat die Regierung schon versucht, die Leute zum Übersiedeln auf die größeren Inseln zu bewegen. Das wäre für alle sicherer und bequemer. Aber sie wollten bleiben und wollen es noch immer. Sein Handy klingelt. "Der Informationsminister will mit Ihnen reden." Eigentlich wohl eher mit Deutschland. Eine wohlklingende Stimme sagt: "Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und Ihr Mitgefühl. Alles wird wieder gut."