Auf diesen Satz hat Verkehrsminister Manfred Stolpe gewartet: "In Deutschland ist das weltweit modernste und innovativste Mautsystem gestartet." Mit 16 Monaten Verspätung, dafür ohne nennenswerte Pannen hat mit dem neuen Jahr die Lkw-Maut auf Deutschlands Autobahnen Einzug gehalten. Toll Collect, das Pleitesystem von gestern, das Skandalprojekt der deutschen Großindustrie, das Symbol politischen Unvermögens – plötzlich ist es zum Instrument moderner Verkehrspolitik und zum Hoffnungsträger deutschen Technologieexports geworden.

Zunächst geht es darum, die 1,4 Millionen Lkw zur Kasse zu bitten, die auf deutschen Autobahnen verkehren. Vor allem auch die halbe Million ausländischer Laster, die bisher keinen Cent zur Finanzierung der deutschen Straßen beitragen. Der Verkehrsminister rechnet fest damit, dass ihm die Maut in diesem Jahr 2,4 Milliarden Euro einbringt. Das große Geschäft allerdings wittern Optimisten anderswo: in der Weiterentwicklung der Mauttechnik und in der weltweiten Nachfrage nach dem System made in Germany.

Toll Collect, ein Tor in die Zukunft? Es ist höchste Zeit, denn anderswo hat diese Zukunft bereits begonnen. Etwa in Kalifornien. Dort richtete schon Anfang der neunziger Jahre die französische Firma Cofiroute die "91 Express Lanes" ein, ein vollautomatisch bemautetes 17 Kilometer langes Stück Autobahn in Orange County, südlich von Los Angeles. Wer es benutzen will, den kostet das Vergnügen zwischen einem und sieben Dollar Gebühr. "Das System funktioniert nach dem Prinzip: je teurer, desto schneller. Und es ist sehr erfolgreich."

Das berichtet Alain Estiot, und der muss es eigentlich wissen. Der Ingenieur aus dem Hause Cofiroute ist einer der sechs Geschäftsführer von Toll Collect, und da Cofiroute weltweit Autobahnen betreibt, ist diese Erfahrung besonders willkommen. Denn nach dem Start der Lkw-Maut wird die Frage interessant: Was lässt sich mit der Technologie alles anfangen?

Express Lanes in Kalifornien ist eine von vielen Entwicklungsmöglichkeiten. Wem es auf dem Highway zu langsam vorangeht, der wechselt ohne Stopp auf eine der Schnellspuren, wird dort vollautomatisch erfasst und muss je nach Tag und Uhrzeit eine unterschiedlich hohe Maut bezahlen. Einzige Voraussetzung: die Existenz eines Transponders an Bord, eines einfachen Registrierungsgeräts. Ähnliche Systeme hat Cofiroute inzwischen in größerem Maßstab in Toronto, Melbourne und Santiago de Chile gebaut.

Technisch ist das nicht der letzte Schrei. Es entspricht etwa dem System, das Österreich seit einem Jahr auf seinen Autobahnen praktiziert. Anders als Toll Collect arbeitet es ohne Satellitenübermittlung und braucht stattdessen viele Kontrollpunkte am Straßenrand. Hätte man es für das viel dichtere deutsche Autobahnnetz eingerichtet, wäre der Aufbau von rund 5000 Kontrollbrücken nötig geworden. Dafür sind aber die in Deutschland unerlässlichen Bordcomputer, die Obus, um einiges teurer und anspruchsvoller als die bescheidenen Boxen, die Brummi-Fahrer in Österreich einfach hinter die Windschutzscheibe kleben.

Mit dem Start von Toll Collect sind hierzulande bereits neue Dienstleistungen entstanden. Etwa in Call-Centern. Die übernehmen Einbuchung, Stornierung, Abrechnung und alle Vorgänge, die fällig werden, wenn kein Obu in den Lkw eingebaut ist. Die Firma tolldirect zum Beispiel verlangt für ihre Dienstleistungen 0,99 Euro pro Minute zuzüglich Mehrwertsteuer, dazu zwei Euro pro Auftrag. Die wickelt sie in zehn Sprachen ab, rund um die Uhr. Hinter dem Angebot steht die walter TeleMedien-Gruppe, mit über 4200 Mitarbeitern einer der großen Betreiber von Call-Centern in Deutschland.

Der Konkurrent euromaut mit Sitz in Bonn besorgte sich sein Startkapital zum großen Teil von der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Auch hier geht der Kontakt direkt vom Fahrerhaus per Handy ins Call-Center. Als Bestätigung erhält der Kunde eine SMS mit der Toll-Collect-Buchungsnummer sowie allen Streckendetails. Bezahlt wird über eine Tank- oder Kreditkarte. Zusätzlich zum Handy setzt maXvis mautdispo in Zeuthen verstärkt auf die Nutzung seines Internet-Portals zur Mautanmeldung. Hier werden gezielt die Disponenten der Transportunternehmen angesprochen: Sie geben die mautpflichtige Strecke an maXvis vor, von dort geht die Bestätigung an den Lkw-Fahrer.