Benachbarte Völker nennen Chowra "die Insel der Zauberer". Das nahe Sumatra gelegene Eiland beheimatet eine Kultur, deren Angehörige hin und wieder Ehrentage für den Seegott einlegen; dann gilt das strikte Gebot zu schweigen. Die Gottheit darf nicht erzürnt werden, denn die Inselbewohner leben nicht nur von Ackerbau und Viehzucht, sondern auch vom Handel mit anderen Völkern, denen sie Töpfe und Kanus verkaufen. Sie gelten als gute Schwimmer und perfekte Seeleute; man sagt, sie würden auf dem Meer über die Richtung von Wind und Wellen gebieten.

Ihre Insel ist flach. Am zweiten Weihnachtstag brach die große Welle über sie herein. Hunderte, vielleicht tausend Menschen nahm sie mit, überwiegend Fischer sowie ihre Frauen und Kinder, die am Strand Muscheln sammelten.

Chowra zählt zu den Nikobaren, die rechtlich zu Indien gehören, ebenso wie die weiter nördlich gelegenen Andaman-Inseln. Auf diese Archipele "blickt jetzt die ganze Welt", wie die indische Hindustan Times am vergangenen Mittwoch schrieb. Die Rede ist von rund 400 bis 600 Inseln; wie viele es sind, hängt davon ab, ob sie bei Ebbe oder Flut gezählt werden. Bewohnt sind vielleicht 30, vielleicht 40; vor dem Tsunami lebten dort rund 370.000 Menschen und mehr als ein Viertel davon in Port Blair, der Hauptstadt der Süd-Andamanen. Sie ist zum Flüchtlingslager geworden.

Was tun mit den Ureinwohnern? Einsammeln und umsiedeln?

Die Hindustan Times hat Recht, alle Welt blickt jetzt auf diese Inselwelt, allein - mit welchen Augen? Fern auf dem indischen Festland, mehr noch im Ausland ist die Kenntnis dieser Region gering, nur an Geringschätzung ist kein Mangel. Das Vorurteil gilt insbesondere den Ureinwohnern, unzivilisierte Lendenschurzträger angeblich. Die Missachtung ist nach der Flutwelle nicht verschwunden, nur sind die Primitiven jetzt Opfer. Ob da wohl welche überlebt haben? Einsammeln und umsiedeln, riet ein prominenter indischer Biologe. Das Einsammeln hat begonnen, es heißt "Rettung"; das Konzept der Regierung scheint zu sein, möglichst viele Menschen nach Port Blair zu verladen und alle Hilfe dorthin zu konzentrieren. Folgt also, nach dem Verlust der Mitmenschen, von Hab und Gut, nun der Untergang der Heimat, Kultur und Würde?

Die meisten Inselbewohner sind Abkömmlinge von Kolonisatoren verschiedener Epochen. Als die Briten ihre Herrschaft in Indien begründeten, ließen sie die fern gelegenen Archipele nicht aus und begannen ihr Zivilisierungswerk mit Massakern an den Einheimischen. Anschließend nutzte das Vereinigte Königreich einige Inseln als Straflager; aus indischen Freigelassenen wurden später Siedler. Nach der Unabhängigkeit verbrachte die indische Regierung Flüchtlinge aus Bangladesh und Sri Lanka dorthin und errichtete überdies einen Luftwaffenstützpunkt auf Car Nicobar. Dennoch, hier und da in den Dschungeln konnten die Ureinwohner ihre Lebensweise erhalten; auf anderen, schwerer zugänglichen Inseln blieben sie ganz unter sich. Wie viele es sind, das weiß niemand genau. Den Dialekten nach handelt es sich um fünf Völker, jedes zählt wohl weniger als 500 Angehörige. Doch man rechnet eine Kultur pro Insel. Denn eine bunte, vielfältige Welt ist da auf den Gipfeln des unterseeischen Gebirges entstanden. Und eine gefährdete Welt. Schon in früheren Zeiten, gut dokumentiert ist das 19. Jahrhundert, traten Seebeben auf. Denn die Inseln befinden sich just dort, wo Kontinentalplatten aufeinander stoßen. Es könnte sogar sein, dass die Katastrophe vom zweiten Weihnachtstag nur den Anfang darstellt, denn womöglich hat sich nicht die gesamte Plattengrenze bewegt - es müsste sich daher in den kommenden Jahrzehnten noch mehr Energie entladen. So sehen es zumindest einige Geologen.