Wenn die große Politik pausiert, folgt prompt der Auftritt der Berliner Politik. Der ist dann so unerquicklich wie das Kleintierwesen am umgedrehten Stein. Leider handelt es sich diesmal ausgerechnet um die Kulturpolitik.

Mag die Hauptstadtrolle auch ungeklärt sein - mit ihrer Kultur hat die Stadt immerhin ein Potenzial, das sie zur Hauptstadt macht. Machen könnte. Gäbe es da nicht den unabsetzbaren Kultursenator Thomas Flierl, dem es gelingt, statt der Kultur den Kleinkrieg der Kulturszene auf die Bühne zu bringen. Was immer er anfasst, endet im eisigen Ost-West-Nebel aus Verdacht, Ressentiment und Missmut. Zum Jahreswechsel stand nun der Rücktritt von Christoph Hein als Intendant des Deutschen Theaters auf dem Spielplan.

Der Schriftsteller mit der dünnen Haut bewies noch im Abgang, wie falsch die Wahl Flierls gewesen war. Gegenwind hatte ihn nicht herausgefordert, sondern nur gekränkt. Hein entschwand, wie er es ausdrückte, als Opfer der Vorverurteilung durch die West-Journaille - die habe seine Arbeit vernichtet. Aber Flierl, der die Klage seines gescheiterten Kandidaten mitsang, hatte ihn ins Ost-Ressentiment von Anfang an hineingetrieben, indem er seine Ost-Biografie und Ostkompetenz feierte.

Die FAZ konzediert Flierl zwar intellektuelle Kompetenz, um dann aber seinen fragwürdigen Führungsstil zu monieren: Er sei entweder unwillig oder unfähig, für zentrale Entscheidungen die nötige Zustimmung zu organisieren. Aber dies ist mehr als nur ein Schwachpunkt. Kulturpolitik ist vor allem auch Personalpolitik. Fortüne ist da Pflicht. Flierl fehlt sie, nicht trotz, sondern wegen seines Intellekts. In einem Eckpunktepapier meint der Senator, dass Berlin nie wirklich Stadt gewesen sei, sondern nur Residenzstadt, ohne starkes Bürgertum. Die Vielfalt der Kultureinrichtungen ergebe sich aus der Hauptstadtrolle. Doch wer derart nur den Staat und nicht die Stadt sieht, wird nie das kulturetatistische Milieu in Berlin sprengen.

Der kann das Publikum, den bildungsgierigen Bürger, nicht lieben, also auch nicht begeistern. Der betreibt Kulturpolitik als Machtspiel der Lager, Seilschaften und Fronten. Er wird den Ost-West-Konflikt bedienen. Und seine Mischung von Chuzpe und Wehleidigkeit, das muss man dem Mann schon lassen, ist durchaus typisch für Berlin. Und, wie anfangs gesagt, höchst unerquicklich.