Es klingt wie eine große Wende, wie eine Konversion. Am 13. Juli 1793 schreibt Friedrich Schiller an seinen Gönner, den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, und schildert ihm sein Entsetzen über die barbarischen Auswüchse der Französischen Revolution. Schiller empfindet Abscheu; er ist angewidert von den "rohen gesetzlosen Trieben" und dem Wüten der "wilden Tiere". Das französische Volk, das sich zu Recht in seine "heiligen Menschenrechte" habe "einsetzen" wollen, hat "einen beträchtlichen Teil Europas, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarei und Knechtschaft zurückgeschleudert".

Schillers Traum lag in Trümmern. Auf den ersten Blick erinnert nichts mehr an den Stürmer und Dränger, an den Vorkämpfer der Freiheit, der das Menschengeschlecht aus den Fängen der Tyrannei befreien und in bessere Zeiten führen wollte. Die "Emancipation" des Menschengeschlechts war gescheitert, weil die Subjekte noch nicht reif waren für das Geschenk der Freiheit. "Es waren also nicht freie Menschen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Tiere, die er an heilsame Ketten legte."

Schon der Schüler kannte das kalte Ungeheuer des Staates

In diesen Sätzen tönt Schiller nicht mehr wie ein Idealist. Er klingt wie jemand, der eine fürchterliche Entdeckung gemacht und das dunkle Wesen des Menschen erkannt hat, seine rohe und "viehische" Gewalt, seine ungebärdige Triebnatur, gegen die das "Sittengesetz" machtlos scheint. Aus diesem Grund sollten die staatlichen "Ketten" nicht mehr sofort, sondern erst dann fallen, wenn die rohe Menschnatur, der "wilde Despotismus der Triebe", durch Kunst und Spiel humanisiert und der Einzelne zur Ausübung seiner Freiheit fähig ist.

War das nicht ein Widerruf? Ein offener Verrat an den heiligen Zielen der Freiheit? Eben noch hatte Schiller behauptet, es existiere eine unsichtbare Hand, die die Geschicke der Menschen leitet und alles Tun und Trachten zum Guten lenkt. Recht betrachtet, könne gar nichts schief gehen. Selbst dann, wenn jemand niederen Zwecken nachjage, würden am Ende die "vortrefflichen" Ziele gefördert. "Wie regellos auch die Freiheit des Menschen mit dem Weltlauf zu schalten scheine, ruhig sieht sie dem verworrenen Spiele zu: denn ihr weitreichender Blick entdeckt schon von ferne, wo diese regellos schweifende Freiheit am Bande der Notwendigkeit geleitet wird."

Es scheint, als sollten Schillers spätere Gegner aus der Nietzsche-Fraktion der deutschen Geistesgeschichte Recht behalten. Sie hassten seinen Vernunftbegriff wie die Pest, seinen Idealismus, seine Moral. Schiller, so schrieben sie, sei pathetisch überhitzt und hocke im Kloster der Vernunft. Er glaube an den Gott der "Notwendigkeit" und sei blind für den Teufel der Geschichte. Anstatt die tragischen Realitäten des Daseins in Literatur zu verwandeln, habe er sie idealistisch vergoldet. Das "Licht der Aufklärung", das ihm angeblich aus der Zukunft entgegenschimmerte, sei nur die eigene Blendlaterne. Mit einem Wort: Auf dem aufgepeitschten Ozean der Geschichte klammert sich der "Moraltrompeter von Säckingen" an seinen Idealismus wie ein Schiffbrüchiger an das Floß der Medusa.

Solche Kritik ist griffig, aber sie greift nicht. Zugegeben, Schillers Glaube an die Wirkmacht der Vernunft war überspannt, ganz im Gegensatz zu Goethe mit seinem "realistischen Tic". Wie eine zu Unrecht gescholtene Germanistik bis ins letzte Komma gezeigt hat, war Goethe ein unerbittlicher Chronist der Zukunft. Er hat, wie man jüngst in Michael Jägers Studie Fausts Kolonie (Königshausen & Neumann) nachlesen konnte, das "Zeitalter der Einseitigkeit" vorhergesehen – die faustische Wissenschaft und die dämonische Zauberkraft des Geldes, das menschliche Beziehungen in Tauschverhältnisse ummünzt.

Im Vergleich zu Goethes Realismus ist Schillers idealistischer Zuckerguss in der Tat nur schwer zu genießen. Seine Geschichtsträumereien sind unterm Brennglas der Kritik verdampft. Niemand glaubt mehr, das Sittengesetz sei in unsichtbaren Lettern an den Himmel gemalt. Und niemand betrachtet die menschliche Vernunft heute noch als ein Schatzkästlein, dem Handlungsanweisungen fürs richtige Leben zu entnehmen sind.