Eine Weile galt es als progressiv, den "elaborierten Code" gegen den "restringierten" auszuspielen, was zur Folge hatte, dass der elitäre Schiller von den Lehrplänen gestrichen und durch die kritische Lektüre der Bild- Zeitung ersetzt wurde. Nun, da der Zeitgeist sich gewandelt hat, ist der Zeitpunkt gekommen, erneut die Frage zu stellen, was denn vom Dichter Schiller zu halten sei.

Betrachten wir seine Anfänge. Am Vortag seiner Konfirmation soll der Herumtollende auf Bitten seiner ruhebedürftigen Mutter sein erstes Gedicht verfasst haben, ein derart gefühlvolles Poem, dass der Vater dem Vernehmen nach ausrief: "Bischt närrisch worde, Fritz?"

"Närrisch" – spätere Schiller-Apologeten haben in ähnlichen Fällen das Wort "enthusiastisch" gewählt, und ein vergleichbares Doppelgesicht kennzeichnet auch Schillers ersten öffentlichen Auftritt als Dichter, da gibt er sich zugleich clever und närrisch, hemdsärmlig und hoch pathetisch. Clever war es, eine Anthologie auf das Jahr 1782 zusammenzustellen, närrisch hingegen darf die Idee des 23-jährigen Medizinstudenten genannt werden, seine Anthologie wg. Beiträgermangels weitgehend selber zu füllen, sich für den Druck zu verschulden, das Buch im Selbstverlag herauszubringen, es als Sibirische Anthologie zu deklarieren und zu behaupten, sie sei "Gedruckt in der Buchdruckerei Tobolsko".

Hier entfaltet er sich erstmals zu voller Blüte, der Schwerpathetiker Schiller. Aber hier zeigt er sich auch als ein ganz anderer, als einer, der selber dem Spott nicht abgeneigt ist, vor allem aber einer, der seine Worte so aufzuladen weiß, dass ihnen Flügel wachsen, was sie zu geflügelten Worten werden lässt. Kastraten und Männer ist das Gedicht überschrieben, in welchem Schiller dieses Kunststück erstmals gelingt. Ein Gedicht des zehn Jahre älteren Gottfried August Bürger hatte seinen Widerspruch erregt, das so beginnt: "Wer nie in schnöder Wollust Schoß / Die Fülle der Gesundheit goß, / Dem steht ein stolzes Wort wohl an, / Das Heldenwort: Ich bin ein Mann!" Von gleicher Keuschheit singen die folgenden 16 Strophen, denen Schiller so entgegentritt:

Ich bin ein Mann! – wer ist es mehr?
Wers sagen kann, der springe
Frei unter Gottes Sonn einher
Und hüpfe hoch und singe!

Was aber ein richtiger Mann ist, der zeigt’s dem anderen Geschlecht:

Und röter wird das Mädchen dann,
Und ’s Mieder wird ihr enge –
Das Mädchen weiß, ich bin ein Mann,
Drum wird ihr ’s Mieder enge.

Drum Pfui auch über jene Männer, welche Keuschheit predigen, sie sind

Wie Wein von einem Chemikus
Durch die Retort’ getrieben:
Zum Teufel ist der Spiritus.
Das Phlegma ist geblieben.