Ich bin ein Mann! – wer ist es mehr?" Mit dem bemühten Humor, der Studenten in ihren Kneipen eigen ist, verspottet der 23-jährige Schiller in dem Gedicht Kastraten und Männer das Imponiergehabe seines Geschlechts – und bewundert es zugleich. Voll von unanständigen Anspielungen, war freilich dies Gedicht nicht ad usum Delphini gedacht. Schiller als Erzieher: das kann erst der zum Selbstbewusstsein gereifte Mann sein, der ideale Helden auf die Bühne stellte und vorschrieb, wie die ästhetische Erziehung des Volkes auszusehen habe. Hatte aber Schiller dabei nur an den Teil der Jugend gedacht, die sagen konnte: "Ich bin ein Mann"? Oder hatte er auch die weibliche Jugend im Sinn?

Was etwa geschah mit einem Mädchen, mit mir zum Beispiel, wenn es, vom vierzehnten Jahr an bis zum Abitur, so oft wie möglich Schillers Dramen auf der Bühne sah, alle anderen Dichter verachtete, die Rollen des Don Karlos, des Max Piccolomini einstudierte und, während es als Weihnachtsgeschenk für die Mutter einen Kaffeewärmer mit Kreuzstichen bestickte, alle Balladen Schillers auswendig lernte, seine Dramen ins Englische übersetzte – was also geschah mit dem Mädchen, wenn ihm in diesem Heldengetümmel und Wörterglanz die Welt "in wesenlosem Scheine" versank, sodass es, stolz geworden wie Schillers Figuren selbst, glaubte, dass, "was alle bändigt, das Gemeine", von ihm abgefallen sei? Was konnte es werden wollen? Nur ein Mann!

Mit Schiller wächst ein Mädchen nicht nur über sein Geschlecht hinaus, sondern auch über seine Umgebung. Von der Muttersprache wechselt es in eine Art Vatersprache über, vom Dialekt in die Schriftsprache, vom menschenfreundlichen Geplauder in die intellektuelle Rede. Heimkommend von der Schule, begrüßt es seinen Vater mit "Grüß’ Gott, Papi!" und denkt: "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" Was bleibt ihm, durch Schiller erzogen, übrig, als schreiben zu wollen, gedruckte Reden, am liebsten zu Schillers 200. Todestag?

Ehret die Frauen, sie stricken die Strümpfe, wohlig und warm

Die Begeisterung des 19. Jahrhunderts für Schiller riss auch die Frauen in ihren Bann, obgleich Schillers hoher Ton zur Frauenbildung denkbar ungeeignet ist. Durch Schiller konnten die Frauen nicht lernen, was von ihnen erwartet wurde, stattdessen gewöhnten sie sich an, in dialektischen Schritten zu denken und in Dualismen wie Stofftrieb und Spieltrieb, Sinnlichkeit und Sittlichkeit, Anmut und Würde. Schillers philosophische Sprache führt notwendig in die Welt des Mannes.

Einübung in eine öffentliche Sprache und in männliches Denken ist nicht die günstigste Voraussetzung für die weibliche Emanzipation. Wie anders hätte Schiller im 19. Jahrhundert als der Verteidiger des patriarchalischen Denkens gefeiert werden können? Die Jenenser Romantiker, in deren Kreis die ersten intellektuellen Frauen verkehrten, haben den Dichter des Lieds von der Glocke und der Würde der Frauen als den Panegyriker der Hausfrau verspottet. Die Verse, die schon mancher Mann seiner Frau als Geschenk zu Füßen legte: "Ehret die Frauen! Sie winden und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben!" haben die Romantiker entromantisiert.

Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,