Das Entmutigende mit Schiller ist, dass ihn keiner gegen seine Liebhaber verteidigt. Bekenntnisse für oder gegen ihn klingen heute künstlich erregt, denn Zu- oder Abneigung setzen ein Mindestmaß an Entfernungsmöglichkeit, einen winzigen Abstand voraus, in dem sich das Urteil frei bilden kann. Diesen Abstand gibt es in Schillers Fall jedoch nicht. Kein deutscher Dichter ist "offizieller", keiner ist tiefer von der Kultur aufgesogen, ja in diese selbst verwandelt worden.

Wahrscheinlich ist Schiller der einzige Autor, der in seiner Wirkungsgeschichte vollkommen aufgeht. Anders als die Goethesche kennt seine nicht die dramatischen Brüche, keine Versuche, sich ganz und gar von seiner Last zu befreien. Wer Schiller verachtete, tat es wegen seiner pompösen Balladen oder wegen seines Theaters der Überdeutlichkeit, also aus Geschmacksgründen. Dann geht es um Verse wie: "Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäumt, / Die Brust im Gefechte gelüftet! / Die Jugend brauset, das Leben schäumt, / Frisch auf! eh der Geist noch verdüftet." Was richten indessen ästhetische Einwände gegen die oktopushafte nationale Umarmung aus, gegen den charakterfesten Willen zur Inanspruchnahme durch die Kleriker und die Verwalter des deutschen Geistes? Ihre Werte mochten sie nie ohne Vorgedachtes und Vorgedichtetes anpreisen, gerieten bei Goethe ins Schwimmen, fanden aber bei Schiller festen Grund.

Niemand ist heute mehr mit Schiller allein, als Einzelner kann keiner zu ihm zurück. Jede Lektüre, die sich unvoreingenommen gibt, wird an den unzähligen Stimmen irre, die durch Schiller hindurch mitreden, Akademiepräsidenten, wichtige Dichter, Lehrer und Professoren, mit Krawatte oder im Rolli, Längs- und Querdenker. Schiller ist immer währender geistiger Overground, der Horror für jede Art von Gegenkultur. Sein Name ist der Glockenklang des Affirmativen, gleichgültig, ob sich die herrschende Kultur als einverständige oder als ablehnende versteht. Selbstverständlich ist Schiller heute auch der Mann einer allgemeinen Kritik an der Gegenwart. Er ist immer oben.

Und er tat viel dafür, nach oben zu gelangen. Seit den Räubern suchte er die nationale Bühne, empfand sich – mit großer Strenge die eigene Person erziehend – als überpersönlichen Erzieher. Er blieb zeitlebens ein mit sich identischer Bürger, anders als Goethe, der auch in den eigenen Abgrund sich zu blicken traute, wo er den Minister gab und gravitätische Sentenzen dichtete. Goethe verzeiht man das Epigrammatische, denn man weiß, dass er es besser wusste. Mit Schiller ist das anders, Weisheiten wie "Kraft erwart ich vom Mann, des Gesetzes Würde behaupt er, / Aber durch Anmut allein herrschet und herrsche das Weib" sonderte er hundertfach ab, in Distichen und Jamben, so regelmäßig und süffig, dass man von einer lyrischen Ontologie sprechen könnte. Was so klingt, das kann schlechterdings nicht anders sein. In dieser Welt herrscht Ordnung. Ordnung und Ödnis.

Gott ist tot und die Freiheit verloren: Auftritt des deutschen Philisters

Schiller bewunderte Goethes Genie des Mehrdeutigen, doch für sich beanspruchte er Deutlichkeit. Die schlimmen Geburtswehen der modernen Welt erlebte er mit, und es spricht sehr für ihn, dass er sich nie von einem rousseauistischen Zivilisationspessimismus mitreißen ließ. Deswegen war er auch trotz der Guillotinen sicher, den Balancepunkt der Moderne gefunden zu haben, ihren wahren, unverfälschten Ursprung, ihr Energiezentrum: das Ich.

Aber an dieser Stelle beginnt auch der geistige Sonderweg der Deutschen in die Moderne. Er führt über das reflektierende, empfindende, träumende Subjekt, also übers weltverlorene Gemüt, separiert von anderen. Seit seiner Kant-Lektüre entspringt die Klarheit von Schillers Dichtungen nicht mehr der französischen oder der britisch-schottischen Aufklärung, sondern der deutschen philosophischen Theorie. Es ist eine Klarheit des Idealismus, und das hatte Folgen für die deutsche Literatur. Mit Schiller beginnt die Neigung, Dichtung als Ausdruck von Theorieentwürfen zu lesen. Das Ideale war wichtig, nicht das Schöne oder gar das Wirkliche. Entsprechend erschien auch die reale Welt als mehr oder minder gelungener Ausdruck philosophischer Gedanken, einer Philosophie, die den Maßstab für "Wirklichkeit" ins Ich verlagert hatte und nur dort Freiheit, Schönheit oder politische Ziele fand. So überlebten die Deutschen in einer unvollkommenen Welt. Sie trugen ja die vollkommene in sich.

Bestimmt ist Schillers Optimismus sympathisch, aber auch der Optimismus hat so seine Dialektik. In den Ästhetischen Briefen erklärte er die Deutschen als unzuständig für das Republikanische. Sein Bild von Geschichte blieb von der blutigen Französischen, nicht von der glücklicheren amerikanischen Revolution geprägt. Stattdessen, so Schiller, trage ein jeder die Freiheit in seiner Person, als Chance zur Selbstvervollkommnung. Freiheit muss dann nicht mehr gewonnen werden, sie ist ja ein unverlierbares Gut der Innerlichkeit.