Früher, als er noch Direktor des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie war, ein weltweit geschätzter Fachmann, war die Sache einfach. Wenn Ernst Ulrich von Weizsäcker in Hamburg, München oder Washington einen Vortrag hielt, stand unter seinem Namen sein Beruf: Wissenschaftler. Oder Klimaforscher. Doch seit er sein herkömmliches Betätigungsfeld verlassen hat, gibt es immer wieder Probleme. Seit 1998 ist Ernst Ulrich von Weizsäcker Bundestagsabgeordneter, Direktkandidat für die SPD im Wahlkreis Stuttgart I, Berufspolitiker also. Aber Politiker oder Abgeordneter? Das könne man doch nicht ins Programmheft schreiben, finden viele von denen, die ihn noch immer zu Vorträgen einladen. Das klinge doch – nicht attraktiv.

Von Weizsäcker erzählt diese Episode gleich am Beginn eines Gesprächs, das von seinen Erfahrungen als Seiteneinsteiger in der Politik handelt und davon, warum die so selten sind wie Krokusse im Herbst. Der 65-Jährige ist unterwegs im Eurocity 176 von Berlin, wo am Nachmittag die SPD-Fraktion getagt hat, nach Hamburg, wo er abends über die Entwicklung der Metropolen im Zeitalter der Globalisierung sprechen wird. "Das Vorurteil, Politiker zu sein, sei etwas Unanständiges, wird kultiviert", sagt Weizsäcker mit sanfter, unaufgeregter Stimme. "Mich kränkt das nicht. Ich denke nur, ich bin es meinen Politikerkollegen schuldig, mich zu bekennen, dass ich in diesem Verein dabei bin."

Die Geringschätzung von Politikern und Parteien hat hierzulande Tradition. Doch glaubt man den Umfragen, ist das Verhältnis zwischen dem Volk und seinen professionellen Vertretern derzeit so schlecht wie seit langem nicht. Eine Vertrauenskrise greift um sich, die mit den herkömmlichen Politikerklischees nur unzureichend erklärt werden kann. Je geringer die Spielräume für Politiker insgesamt sind, desto größer ist die Enttäuschung über das Unvermögen jedes Einzelnen. Die Verachtung wächst vor allem gegen jene, die gleich nach dem Examen eine Parteikarriere gemacht und nie einen anderen Beruf als den des Politikers ausgeübt haben. Seiteneinsteiger dienen vor diesem Hintergrund als Projektionsfläche: Die Erwartung, die sich an ihren Auftritt knüpft, ist Ausdruck einer unbestimmten Hoffnung, dass die Politik ganz anders sein könnte als das schäbige Bild, das die Bild- Zeitung tagtäglich von ihr entwirft. Seiteneinsteiger sind attraktiv, weil sie im besten Fall eine andere Sprache sprechen, eine andere Biografie haben und einen richtigen Beruf. Weil sie, so die Hoffnung, über mehr Eigensinn verfügen als der gewöhnliche Parteisoldat.

Nur: Wie viel von alledem lässt sich überhaupt in die Politik übertragen? Wie groß ist die Chance für Seiteneinsteiger, in diesem Milieu wirklich Fuß zu fassen? Und für wie lange kann sich jemand den Ruf eines Außenseiters bewahren, ab wann ist er – wie alle anderen – nur noch "ein Politiker"? Als Gerhard Schröder 1998 Bundeskanzler werden wollte, schob er den parteilosen Software-Unternehmer Jost Stollmann als künftigen Wirtschaftsminister auf die Bühne. Einen Sommer lang galt Stollmann als die Ikone einer neuen Zeit. Acht Tage bevor er als Minister vereidigt werden sollte, gab der Unternehmer auf. Bis heute findet sich unter den wenigen Außenseitern, die überhaupt den Weg in die Politik gefunden haben, kein namhafter Vertreter der Wirtschaft. Auch die anderen Seiteneinsteiger, die das erste Kabinett Schröder zierten, sind längst nicht mehr im Amt: Werner Müller, Michael Naumann, Walter Riester.

Licht flutet an diesem kalten, klaren Dezembermorgen durch den Plenarsaal des sachsen-anhaltinischen Landtags. Vorne am Rednerpult steht Karl-Heinz Paqué, ein groß gewachsener Mann im dunklen Dreiteiler mit rotem Einstecktuch. Seine Rede verrät Ehrgeiz und Selbstbewusstsein. Paqué ist Finanzminister und erläutert gerade den Doppelhaushalt 2005/06. Er erklärt, warum das Land auch in den kommenden zwei Jahren voraussichtlich mehr als 1,7 Milliarden Euro Schulden aufnehmen müsse, obwohl Sachsen-Anhalt in dieser Legislaturperiode "den Kampf gegen das Ausufern konsumtiver Ausgaben" härter geführt habe als jedes andere Bundesland. Die Opposition kontert. "Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist bei keinem anderen Regierungsmitglied so groß wie bei Ihnen!", ruft der Fraktionsvorsitzende der SPD.

Die Theorie, das war Paqués früheres Leben. Der Ökonom war wissenschaftlicher Direktor des renommierten Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, später Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Ein überzeugter Neoliberaler, der leidenschaftlich für mehr Markt, mehr Wettbewerb und Deregulierung stritt. Die Praxis, das ist ein öffentlicher Landeshaushalt, bei dem Einnahmen und Ausgaben weit auseinander klaffen und der ohne zusätzliches Geld aus Berlin und Brüssel vollständig aus dem Ruder laufen würde.