Polizisten fanden Nykänen besinnungslos, neben einem Messer, Blut überall

Er kann nicht singen und nimmt eine CD auf, er verkauft seine Medaillen

"Der Sinn des Lebens: Weiter zu springen als alle anderen"

Zwei Polizisten waren hinter ihm, er zog die Jacke aus, schwarzes modisches Leder, und legte sie über die Lehne des Stuhls, das blonde Haar ist weiß geworden im Lauf seiner Leben. Setzte sich langsam neben den Anwalt aus Helsinki, Verteidiger, Matti lächelte nicht, schaute niemanden an, Matti vor Gericht, schon wieder, und zog den Pullover straff, darauf, aus silbernem Faden, die weiten Flügel eines Adlers, der weder Kopf noch Körper hat, nur Flügel. Matti Nykänen, als wollte er beten, faltete die Hände. Er saß und wartete und spürte wahrscheinlich die Gier der Fotografen, die durch die offene Tür blitzten, den Geifer der Schreiber, die in den Rängen lauerten, die Neugier der Schulklasse, angereist, um Matti zu sehen, Adler & Lachmöwe, fünf olympische Medaillen in Gold, eine in Silber, Weltmeister im Skisprung, Weltmeister im Skiflug, vierfacher Gewinner des Weltcups, zweifacher Gewinner der Vierschanzentournee, es war Viertel nach neun, ein kalter nasser Tag in Tampere, Südfinnland, keiner hat mehr gewonnen als Matti Nykänen, keiner, sagt man, wird je mehr gewinnen als er, Genie & Wahnsinn, Ikarus aus Jyväskylä, zweihundertachtzig Kilometer nördlich der Hauptstadt, Laub lag in den Straßen von Tampere, es war grau, kalt und einerlei, die beste Zeit, sich umzubringen, Matti saß und schien zu beten, starr, dumpf, die Richterin wiederholte: Fotografieren verboten, ebenso Tonbandaufnahmen und Mobiltelefone. 27. Oktober 2004, Saal 1, weiße Wände, helle Möbel, drei Geschworene, Fall 6510/R/0002750/04. Hiermit klage ich den anwesenden Matti Ensio Nykänen, geboren am 17. Juli 1963, von Beruf Künstler, zuletzt wohnhaft in 33400Tampere, Teivaalantie 78, des versuchten Totschlags an, begangen am 24. August 2004 in Nokia an Aarno Kalevi Hujanen, indem er diesem ein Metzgermesser zweimal in den Körper stieß, Klingenlänge dreizehn Zentimeter, einmal in den Rücken, einmal in die Schulter, Nykänen versuchte, Hujanen zu töten, oder zumindest verstand er, dass sein Tun Hujanens Tod erwirken konnte, der Angeklagte ist deshalb zu einer Gefängnisstrafe von mindestens dreieinhalb Jahren zu verurteilen. Matti Nykänen starrte in die weiße Wand hinter der Richterin, manchmal bewegte er die Lider, manchmal die Daumen der gefalteten Hände, ein Gesicht aus Trotz und Tränen, ist das eine dumme Frage, die ihm der Vater jetzt stellt, Vater fragt, als sie vor der neuen Skisprungschanze von Jyväskylä stehen, Masa, würdest du dich trauen, von dort oben herunterzuspringen?, Matti ist acht Jahre alt, in der ersten Klasse, die er eben wiederholt, und Matti nickt, sagt, aber ja, Papa, Matti beginnt auf Langlaufski, die irgendwann brechen, die Eltern schenken richtige Sprungski aus Kunststoff, und wenn er etwas hasst, dann diese gottverdammte Schule, der Lehrer sagt ständig, sei endlich ruhig und pass auf, Matti kann nicht, kann nicht ruhig sein, nicht aufpassen, läuft zu Hause schon wieder in die gläserne Tür des Wohnblocks. Wenn er etwas mag, dann diese neue Schanze, Matti springt und springt, Springen ist schöner als alles andere, er springt bei Nebel und Grippe, er ist nun elf und sieht aus wie sieben, bleich und blond und dünn und leicht, er springt von elf Uhr morgens bis acht Uhr abends, und manchmal kommt Papa vorbei, der Taxi- und Lastwagenfahrer, an manchen Tagen springe ich vierzig Mal über den Tisch, fahre im Aufzug auf den Turm, setze mich auf den Balken, ziehe die Bindung fest und sause los, fliege, lande, fahre im Aufzug auf den Turm, fünfzig Mal im Tag, sechzig. Die Gehilfin des Anklägers verteilte den Journalisten die Anklageschrift, Matti, sagte der Ankläger, müssen Grenzen gesetzt werden, Matti Nykänen war bereits in diesem Raum aus ähnlichem Grund, Matti bewegte die Daumen, er ist weiß geworden und speckig. Am Sonntag, 22. August 2004, fuhren Matti Nykänen, einundvierzig Jahre alt, und seine vierte Ehefrau Mervi Tapola-Nykänen, fünfzig, die er ein zweites Mal geheiratet hatte, nach Tottijärvi, wo die Eltern der Frau, reiche Wurstfabrikanten, eine Hütte besitzen. Sie kamen im Taxi und waren betrunken, redete Aarno Hujanen, das Opfer, in den Saal 1, besoffen waren sie, als sie kamen. Und weshalb waren Sie dort?, fragte der Ankläger. Ich bin ein Freund der Familie Tapola, war in der Hütte, um deren Fenster zu dichten. Und dann?, fragte der Staatsanwalt. Ging ich nach Hause. Kennen Sie Matti schon lange? Seit zwei Jahren, wir waren fast Freunde. Und dann? Am Dienstag riefen sie an und baten mich, sie zu Nokia Alko zu fahren, neuen Stoff holen. Gegen halb eins am Mittag waren wir zurück. Was für Stoff?, fragte der Ankläger und lächelte. Anderthalb Liter Wodka der Marke Finlandia, einen halben Liter Wodka der Marke Koskenkorva, zwei Kanister Gin Long Drink, sechzehn Liter, redete das Opfer, neunundfünfzig Jahre alt und kahl, die Journalisten grinsten, Matti bewegte sich nicht, sollen sie grinsen, sie grinsen seit Jahren, grinsen fast täglich aus ihren Blättern, Matti hat eine Woche lang nicht mehr getrunken, 7.2.04 / Mattis Frau hat eine neue Liebe, 9.2.04 / Matti hat ein heimliches Kind, 18.2.04 / Matti für Plattenaufnahmen in Japan/Polizei holt Matti betrunken aus dem Flugzeug / Mattis Leber in Ordnung – ein medizinisches Wunder / Matti wollte sich erschießen / Matti bei der Pfingstgemeinde / Matti Herzversagen / Matti bewusstlos / Matti immer noch im Krankenhaus / Matti immer noch verheiratet / Matti wieder zu Hause / Sex in der Sauna / Matti stürzt in Rosenstrauch, sie schreiben, seit er fliegt, Nykänen wehrt sich nie, er wüsste nicht, wie. Sie haben Fragen gestellt, auf die er keine Antwort hatte. Was ist das Wichtigste im Leben? Skispringen. Was ist der Sinn des Lebens? Weiter zu springen als die anderen. Was gibt Ihnen das Skispringen? Ruhe für die Seele. Einmal, vor den Olympischen Spielen in Sarajevo, 1984, schreibt The San Diego Union, Nykänen könne nicht einmal richtig lesen und schreiben, es falle ihm schwer, seinen Namen zu buchstabieren. Der Kollege, der auf der Großschanze Letzter geworden ist, sagt, Nykänen ist der Beste der Welt in dem, was er tut, doch stell ihn dir am Strand vor, jeder würde sich getrauen, Sand in sein Gesicht zu werfen. Journalisten bezahlen ihm Ferienreisen, um an Stoff zu kommen, bezahlen ihm das Hochzeitsfest. Matti, vierzehn, hat seinem Vater, der ihm auftrug, ihn zu unterrichten, wenn er zum ersten Mal von der Großschanze setze, damit er dabei sei und, für alle Fälle, einen Krankenwagen bestelle, Matti hat Papa ein Zettelchen hingelegt, große Schrift, hallo Papa, sei nicht böse. Ich bin vom Beton gesprungen. 88Meter, Grüße. Masa. Wie ging es weiter?, fragte der Staatsanwalt. Man trank, antwortete das Opfer, Mervi konnte nicht mehr stehen, so gottverdammt besoffen war sie, sie war halb nackt und umarmte mich. Vielleicht eine Minute lang, dann wurde sie ohnmächtig, erlosch wie die Funzel in einer alten Sauna, die Journalisten grinsten, die Geschworenen lächelten, Matti rieb sich das Gesicht, faltete wieder die Hände und wurde steif, schaute in die weiße Wand. Mervi konnte nicht mehr aufstehen, sagte das Opfer. War Matti eifersüchtig, als Mervi Sie umarmte? Sehr eifersüchtig. Und dann? Machten wir Fingerhakeln, Matti und ich, ich gewann, Matti kann nicht verlieren, er wollte, dass wir es noch einmal tun, aber er verlor wieder, dann wurde er wütend und begann zu schreien, er schickte mich aus der Hütte, rief mich dann zurück, und wir reichten uns die Hände, alles war gut, ich trank noch ein Glas, da plötzlich steckte er mir das Messer in den Rücken, Matti war anderswie, anderswo, verrückt, er stürzte und schlug den Kopf auf den Boden. Schlugen Sie zurück? Ich schlage, sagte das Opfer, Aarno Hujanen, ich schlage doch keinen Olympiasieger. Bevor er einschläft, denkt Matti an die Schanze, an den Flug, die Gewichtsweste, sechs, zehn, zwölf Kilo Blei trägt er öfter als die andern, trägt sie auch in der Freizeit unter dem Hemd, jahrelang, kann an nichts anderes denken als ans Springen, kann nicht verlieren, Weltmeister der Junioren, 1981, Weltmeister auf der Großschanze, 1982, Oslo, Holmenkollen, es ist dichter Nebel, Matti hat keine Angst, und zu Hause in Jyväskylä hält Papa es vor dem Fernseher nicht aus, er schnallt sich die Langlaufski an, bittet Mama, die Balkontür zu öffnen, falls ich gewonnen habe, und flieht in den Schnee. Als Papa wieder am Haus vorbeikommt, ist die Tür geschlossen, Papa denkt, ich bin noch jung, meine erste WM, schade, doch was er nicht weiß, der Wettbewerb ist noch nicht zu Ende, ich fliege durch den Nebel, fliege und sehe nichts und lande und bin Weltmeister, die Journalisten stellen Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Später, wenn er getrunken hat, ruft Nykänen seinen Trainer an, und der Trainer muss sagen, doch, du bist der Beste, Allerbeste, keiner kann es besser als du, Matti ist schnell betrunken, man trinkt nach jedem Anlass, Bier, Whisky, du bist der Beste. Im Winter 1982/83 ist er so gut, dass nach dem Probesprung der Anlauf auf allen Schanzen verkürzt wird, damit Nykänen, der nicht schön fliegt, aber weiter, nicht in der Ebene landet und zerschellt, er kann springen, wie er will, zu weit nach links, zu weit nach rechts, er springt weit, regelmäßig setzt er zu früh von der Schanze, anderthalb Meter vor der Tischkante ist er bereits in der Luft, mein rechter Ski flattert im Himmel, keinem gelingt es, schneller die beste Flugposition zu erreichen, keiner kann das System Körper/Ski in kürzerer Zeit so gut beschleunigen, manchmal, ungewollt, fliege ich fast wie ein V durch die Luft, der Körper links, die Ski rechts, 57 Kilogramm, 177 Zentimeter, ideale aerodynamische Bedingungen, manchmal schmerzen die Knie, seit 1982 nimmt er Mittel gegen den Schmerz, Nykänen ist neunzehn, sieht aus wie vierzehn. Die Nacht vor dem Wettbewerb auf der Normalschanze, Olympische Spiele in Sarajevo 1984, verbringt er kotzend, eine Lebensmittelvergiftung, Nykänen wird Zweiter, er hadert, das wird mir nicht noch einmal passieren, Tage später gewinnt er auf der Großschanze, Vorsprung 17,5 Punkte, Rekordabstand bei Olympischen Spielen, er trinkt, ruft, wenn er traurig ist, den Trainer an, ja, du bist der Allerbeste, ich möchte allein sein, schlafe am liebsten allein in einem Zimmer, spiele nicht Fußball mit den Kollegen, die Knie schmerzen, der Kopf, Nykänen kommt zu spät zum Training, verlässt es, wann er will, und als er im Juni 1984 zum Militär muss, hat er keine Antwort auf die Fragen des Offiziers, Beruf?, Heimatgemeinde? Mein Klient, sprach nun der Verteidiger, der aus Helsinki angereist war, mit leiser, tiefer Stimme, kann sich an nichts erinnern. Erwiesen ist, dass er, als die Polizei ihn mitnahm, im Blut einen Alkoholgehalt von 3,5Promille aufwies, seine Frau 4,5Promille und das Opfer 2,2. Grinsen im Saal 1 zu Tampere. Zudem stand Matti unter der Wirkung von Medikamenten, Diapem, Burana, Mittel gegen Kopfschmerzen, gegen ADHS. Stach Nykänen, fragte der Staatsanwalt das Opfer, mit diesem Messer hier zu? Der Ankläger zog ein Messer aus einer braunen Tüte, hielt es hoch, wedelte damit. Aarno Hujanen, das Opfer, nickte: Ja, das ist das Messer. Wie ging es weiter?, fragte der Staatsanwalt. Um 15.14 Uhr rief Aarno Hujanen die regionale Alarmzentrale an, sagte, er liege verletzt in der Hütte der Familie Tapola. Wo ist diese Hütte?, fragten die Polizisten. Doch Hujanen, betrunken, hatte schon aufgehängt und wankte zum nächsten Haus, siebenhundert Meter weit, in dem ein Taxifahrer wohnte, der Taxifahrer lud den Mann in sein Auto, um ihn nach Nokia zu fahren, unterwegs trafen sie die Ambulanz, das Opfer wechselte den Wagen. Die Polizisten fanden das Ehepaar Matti und Mervi Nykänen besinnungslos, die Frau halb nackt auf dem Sofa, Matti auf dem Boden, das Messer neben seinem Kopf, Blut überall, er blutete aus der rechten Augenbraue, ein Polizist schüttelte den Mann wach, sprach zu ihm, Nykänen sagte, ich erzähl dir alles, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Dann lallte er, Aarno habe ihn mit einer Flasche niedergestreckt, habe ihm ein Messer in den Leib gesetzt, er sei unschuldig, habe nichts Böses getan, 16.13 Uhr, 24. August 2004, Dienstag. Matti verhaftet, 25.8.04 / Auch Mervi verhaftet, 26.8.04 / Mervi aus dem Gefängnis entlassen, 27.8.04 / Matti vermummt vor Untersuchungsrichter / Mervi reicht Scheidung ein / Mervi zieht Scheidung zurück / Matti und Mervi durften sich umarmen und küssen. Er könne sich an nichts erinnern, sprach nun Matti Nykänen in den Saal, alles weggewischt. Warum, fragte der Ankläger, stießen Sie dem Opfer das Messer in den Leib? Matti drehte den Kopf und schwieg, die Hände gefaltet, manchmal bewegte er die Daumen, die Lider. Warum antworten Sie nicht? Ich kann mich an nichts erinnern, sagte er. Waren Sie eifersüchtig? Ich bin nicht eifersüchtig, eifersüchtig ist doch jeder. Taten Sie es, weil Sie beim Fingerhakeln verloren hatten? Matti bewegte die Daumen. Sein Gesicht aus Stein und Angst. Können Sie nicht verlieren?, fragte die Richterin. Ich bin ein guter Gewinner und ein guter Verlierer. Dann wurde er stumm, starr, blickte in die weiße Wand, der Luftwiderstand ist proportional zum Quadrat der Geschwindigkeit des fliegenden Objekts, solchen Quatsch hat er nie begriffen, wozu auch?, er tut, was ihm richtig scheint, springt immer zu früh vom Tisch, den linken Schuh ziehe ich immer zuerst an, auch den linken Handschuh, meine Gewohnheit, und sitze ich erst auf dem Balken, ziehe ich die Bindung fest, immer wieder, immer wieder. Bevor ich springe, will ich allein sein, will keinen in der Nähe, kein Gerede, am liebsten ist man allein und tut, was man tun muss, um besser zu sein als alle andern. Im Frühjahr 1985, Strbske Pleso, als nur noch Matti und der Österreicher Felder den Weltcup gewinnen können, verbringt der Finne seine Nächte in der Diskothek und trinkt sich in die Morgen, Nykänen gewinnt, die Knie tun weh, die Seele, Nykänen, der das Training abbricht, weil ihm danach ist, das Training abzubrechen, wütet und schreit, als er glaubt, die Mannschaftskollegen hätten ihm Ski und Anzug nicht ins Hotel nachgebracht, zum Trainer sagt er, es ist deine Aufgabe, dich um meine Dinge zu kümmern!, Nykänen, wenn er betrunken ist, wirft Möbel durchs Zimmer, er prügelt sich mit Kameraden, zur Vierschanzentournee 1985/86 nehmen die Finnen ihren Weltbesten nicht mehr mit, ein Jahr danach, als er, mit Frau, aber ohne Ski, einen Tag verspätet in Oberstdorf eintrifft, schicken sie ihn nach Hause, Nykänen tobt, er ruft seine Mutter an, Mama redet auf Matti ein, Mama sagt, Masa, komm nach Hause, deine Trainer meinen es doch gut mit dir, Masa, die Hälfte der dritten Klasse habe ich in einer Sonderklasse für Verhaltensgestörte erlebt, Sonderschule!, Sonderschule!, Idiotenschule!, ich kann nicht ruhig sein, nicht aufpassen, sie reden von ADHS, Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung, irgendwas da oben, das nicht stimmt, egal, ich fliege weiter als der Rest der Welt, ich weiß, dass sie über mich lachen, einmal, als einer mich fragt, wie ich meine Chancen einschätze, sage ich, fifty/sixty, wie sie lachen!, Nykänen erträgt seine Welt nicht, als ein Reporter ihm arglos unterbreitet, Nykänen sehe nicht aus wie ein Skispringer und sei doch der Beste, antwortet Matti, hau ab, wenn ich nicht wie ein Skispringer aussehe, bekommst du auch kein Interview, Nykänen, nach einer Schlägerei, mittet sich selber die Nase wieder ein, ein Journalist fragt, was geht dir vor dem Sprung durch den Kopf?, nun ja, an Fotzen denke ich eigentlich immer, Arteparon, Naprometin, Indometin, Operationen an den Knien, an den Beinen, Bandscheiben, Diapam, damit ich schlafen kann, Matti schuldet 66000 Euro Alimente, 5.8.04 / Matti stürzt in Rosenstrauch, 24.8.04 / Matti und Mervi trennten sich neunzehnmal. Er sagte: Es tut mir leid, was ich getan habe, und schwieg. Der Staatsanwalt fragte: Sind Sie ein jähzorniger Mensch? Ich bin, antwortete Matti, ich bin, ich habe, habe Aarno gern, ich wollte ihn nicht verletzen, ich bin, ich glaube, ich bin müde, ich liebe Mervi, ich glaube, ich hatte Herzprobleme, wieder Herzprobleme, als es geschah, und danach Kopfschmerzen, furchtbar, tagelang, ich liebe Mervi, sprach Nykänen in den Gerichtssaal und schwieg, der Staatsanwalt wippte mit seinem Stuhl. Er sagte: Sie taten es aus Eifersucht, nicht wahr? Matti schwieg, Eifersucht, Frauen, die Frauen, zuerst Tarja, Sozialarbeiterin, die schwanger wird und ihm acht Monate lang davon nichts erzählt, Mutter von Anniina, die er zum ersten Mal sieht, als sie siebzehn ist, dann Tiina, Fotomodell, Mutter von Sami, dann Pia, Verkäuferin, Mutter von Eveliina, dann Sari, die Wirtin, deren Namen er annimmt, um ein anderer zu sein, dann Jaana, die Estin, mit der er sich nach Stunden bereits verlobt, ab und an eine andere, schließlich, 2001, Mervi, Wurstfabrikantin in Tampere, im Februar 2003 ritzt er sie mit einem Messer, Mervi will die Scheidung, Mervi verzeiht, sie heiraten wieder, 12.Juli 2004, heiraten auf der Schanze von Jyväskylä, wo alles begann, dreißigtausend Mal bin ich von einer Schanze gesprungen, 191 Siege, Weißflog kommt auf 135, Flitterwochen in Lappland, 13.7.04 / Sex in der Honeymoonsauna, 14.7.04., manchmal träume ich, ich hätte meine Ausrüstung vergessen, oder dass ich die Handschuhe nicht finde, den Helm, wo ich doch als Nächster über den Tisch muss, oder dass ich fliege fliege fliege und nie lande, davon träume ich manchmal. Am Messer, sagte der Verteidiger, fanden sich weder die Fingerabdrücke von Matti Nykänen noch Spuren seiner DNA. Matti saß daneben und schaute in die weiße Wand, manchmal hob er sein Gesicht zur Decke, kleine Lampen, die Sprinkleranlage. Eines Tages, 1991, nachdem Matti Nykänen bei den Weltmeisterschaften nur Fünfzigster geworden ist und also das Hotelzimmer zerstört hat, macht ihm einer Mut, Sänger zu werden, Matti kann nicht singen, er wird Sänger und rast im BMW durchs Land, zwei Tänzerinnen neben sich, an manchen Abenden steigt er viermal auf die Bühne, Ranua, Porvoo, Helsinki, Hämeenlinna, Rovaniemi, Haukipudas, Oulu, Tikkakoski, Savonlinna, Evijärvi, Stockholm, Kanarische Inseln, Rhodos, Fort Lauderdale, Russland, Japan, er krächzt und tanzt, noch einmal zeigt er, wie hoch er springen kann, und vergisst die Texte der Lieder, die man für ihn schreibt, manchmal wartet ein Krankenwagen, Herzprobleme, bewusstlos, seine erste CD verkauft sich 25000 Mal, seine zweite 5000 Mal, Matti verkauft seine Medaillen, man wählt den Berühmten in den Gemeinderat von Uurainen, Matti, parteilos, macht eine erste Sitzung mit, bei der zweiten bleibt er bis zur Pause und kommt nie wieder, das Angebot, Cheftrainer der Japaner zu werden, lehnt er ab, eine Zeitung ruft dazu auf, Geld zu spenden, auf dass die Medaillen, die Nykänen gewann, ins Olympische Museum geraten, Kulturgut des finnischen Volkes, der Oberste Gerichtshof tagt, spricht die Medaillen dem Museum zu, Matti hat kein Geld und strippt im Casino von Järvenpää, 1998, sie grinsen, sie johlen, einem Reporter sagt er, die Liebe ist wie ein Knäuel Wolle, sie beginnt und geht zu Ende, psychologische Reflexmassage in Kotka, sechs Wochen lang, Matti trinkt nicht, er fährt zu Mervi an den Rand der Stadt Tampere, sie saufen, dann wäscht er, kocht, putzt den Grill und ist glücklich, im Fernsehen geschieht Satire, Matti mit einer Kuh, mit einer Ente, einem Hund, ein Schauspieler spielt Matti und sagt, mit den Frauen habe ich nur Pech gehabt, doch diesmal finde ich Geborgenheit. Der Staatsanwalt wippte mit seinem Stuhl, das Messer auf dem Tisch, Nykänen sprach mit leiser Stimme: Aarno habe ich gern, es tut mir leid, was ich ihm antat, und ich hoffe, Nykänen brach ab, ich hoffe, sagte er und schwieg. Ich kann mich an nichts erinnern. Da begann das Opfer zu weinen, es legte die mächtige Brille ab und trocknete seine Tränen. Es war ein trüber kalter Tag in Tampere, Südfinnland, 27. Oktober 2004, Matti Nykänen bewegte die Daumen, die Lider, das Gericht erkannte auf schwere Körperverletzung, zwei Jahre und zwei Monate, sei nicht böse Papa, bin vom Beton gesprungen. Und die Luft roch nach Schnee.