Colombo/Sri Lanka

Überflutungen und Trockenheit, ja, das sind die Bewohner Sri Lankas gewohnt. Aber Erd- und Seebeben? Anders als in anderen asiatischen Ländern fühlten sich die Menschen auf der Tropeninsel vor einer derartigen Katastrophe sicher. Zu weit ab liegt das ehemalige Ceylon von den tektonischen Bruchlinien, die anderswo für Bebengefahr sorgen. Deswegen war auch bisher kein Politiker auf die Idee gekommen, der asiatischen Tsunami-Liga beizutreten, deren wichtigster Vorzug ein Informations- und Frühwarnsystem ist. Der letzte Tsunami ist aus dem goldenen Zeitalter Ceylons, vor rund 2500 Jahren, belegt.

Eine Woche nach der Megakatastrophe, die allein in Sri Lanka vermutlich über 40000 Menschen getötet hat, sind die langfristigen Auswirkungen auf die Nation noch nicht abzusehen. Die Flutwelle erfasste nicht nur Hindus, Muslime, Buddhisten und Christen, sie tötete auch betuchte Strandurlauber aus der Stadt, Universitätsprofessoren, Prominente und Touristen aus aller Welt. Angesichts des ungeheuren Ausmaßes der Katastrophe blieben Tragödien wie der Untergang der Queen of the Ocean fast unbemerkt. Der Zug, dessen Name jetzt einen seltsamen Beigeschmack bekommt, war von der Hauptstadt Colombo in die ehemalige niederländische Kolonialstadt Galle an der Südküste unterwegs. Selbst für die Verhältnisse in Sri Lanka war er mit 1700 Fahrgästen stark überladen. Dass ihn der Ozean verschlang, hätte unter normalen Umständen als größtes Eisenbahnunglück der Geschichte weltweit Schlagzeilen gemacht. So blieb die Schreckensmeldung nur eine unter vielen.

Aber hat die Natur der von Bürgerkrieg zerrissenen Insel gleichzeitig eine Chance auf Versöhnung geboten? Es gelte, fordern inzwischen nicht nur Zeitungskolumnisten und prominente Würdenträger der Religionsgemeinschaften, die Katastrophe als Gelegenheit zu begreifen, den seit 20 Jahren tobenden Konflikt um den tamilischen Norden des Landes zu beenden. Im Februar 2002 verkündete die tamilische Rebellenorganisation LTTE, besser bekannt als Tamil Tigers, einen Waffenstillstand. Noch vor Weihnachten sah es so aus, als würde er brüchig werden. Dann kam die Flut. Der ehemalige Luftwaffenchef Harry Gunatillake ist sogar der Meinung, dass die große Überschwemmung Sri Lanka vor einem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs bewahrt habe: "Ohne Tsunami würden wir vielleicht im neuen Jahr zu den Waffen zurückkehren." Daran ist – jedenfalls für den Moment – nicht mehr zu denken.

LTTE und Regierungsarmee haben mehr Soldaten verloren, als sie zugeben wollen. Die 18000 Männer und Frauen, die die LTTE unter Waffen hat, sind mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt oder kümmern sich um ihre Familien. Die Seestreitkräfte beider Seiten sind schwer angeschlagen. Vor allem die Sea Tigers, die gefürchtete Marine der LTTE, die aus aufgerüsteten Fischerbooten sowie gekaperten Schiffen der Kriegsmarine und Küstenwache bestand, scheinen weitgehend vernichtet zu sein. Die gemeinsam erlittene Katastrophe hat darüber hinaus die Widersacher einander menschlich näher gebracht. So wird aus dem Norden berichtet, dass Regierungssoldaten LTTE-Kämpfer und LTTE-Leute Regierungssoldaten gerettet hätten. Es wäre ein Zeichen, dass in Zeiten der Not ethnische Zugehörigkeit und Religion keine Rolle spielen.

Wenige Tage nach der Katastrophe reiste der sri-lankische Premierminister nach Jaffna, der Hochburg der LTTE. Er versuchte sich vom Vorwurf reinzuwaschen, die Hilfe einseitig in den singhalesischen Süden zu schicken, wo sein Wahlkreis liegt. Prompt rief die LTTE im Ausland dazu auf, Spenden besser direkt an sie zu schicken; denn die Regierung würde ihre Gebiete vernachlässigen. Am 29. Dezember reiste schließlich eine hohe Regierungsdelegation nach Kilinochchi, wo die LTTE den Sitz ihrer interimistischen Autonomiebehörde einrichtete. Man vereinbarte, während der Rettungsaktionen und für die Zeit des Wiederaufbaus zusammenzuarbeiten. Allerdings schlug die LTTE das Angebot, sich in die Task-Force der Regierung einzuklinken, aus. Ihre eigenen Strukturen, sagen die Separatisten, funktionierten viel besser. Bis zum 30. Dezember sollen 320 Lkw-Ladungen im Tamilengebiet eingetroffen sein. Und die Präsidentin Chandrika Kumaratunga wird nicht müde zu versichern, dass alle betroffenen Landesteile unterschiedslos Hilfe von der Regierung bekommen.

Allerdings haben die Fluten den Hass nicht zur Gänze weggespült. So rief eine singhalesische Zeitung dazu auf, man möge doch die momentane Schwäche der LTTE nützen, um im Norden endlich und richtig militärisch aufzuräumen.