Am 31. Oktober 2004 steht in der Rheingoldhalle zu Mainz ein kleiner Mann mit getönter Brille in einem großen Anzug vor dem Bundespräsidenten und wird gelobt. Solche Menschen brauche das Land, ihre Fantasie und Begeisterung, ihr Engagement, ihre Tatkraft. Horst Köhler überreicht Alfred Jung den Deutschen Umweltpreis 2004, den üppigsten Europas (500.000 Euro). Herr Jung, 47 Jahre alt, hat eine Dichtung erfunden, die dicht ist.

Über das Dichtungswesen weiß man normalerweise wenig. Der Auspuff knattert, der Wasserhahn tropft, irgendwo riecht es nach Gas. Alte Dichtung raus, neue rein, manchmal hilft Kaugummi. Manchmal explodiert auch eine Raumfähre. Die Challenger zerbarst 1986, weil die handtellergroße Dichtung einer Feststoffrakete kälteempfindlich war. In solchen Momenten ahnt man, dass Dichtungen wichtig sind. Und seit Mainz weiß man, dass Dichtungen in Wahrheit Undichtungen sind. Beispiel Petrochemie: Allein in Deutschland werden im Jahr 120 Millionen Tonnen Erdöl raffiniert. Ein bis zwei Prozent davon, also bis zu 2,4 Millionen Tonnen, lösen sich nach Angaben der Preisausloberin, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, als so genannte diffuse Emissionen in Luft auf. Die klimarelevanten Gase, auch VOCs genannt (volatile organic compounds, flüchtige organische Verbindungen), verduften überwiegend durch so genannte Dichtungen.

Durch Poren, Ritzen, feinste Röhrchen kriechen die Moleküle ins Freie

Pulheim-Brauweiler bei Köln, Gewerbegebiet. Unter einem gewaltigen Hochspannungsmast, wo es Elektrosensible keine Minute lang aushalten würden, sitzt in einem bescheidenen Zweckbau die Firma Jungtec High Tech Industriedichtungen. Neun Mitarbeiter, 1,7 Millionen Euro Umsatz, der Chef holt Besuch persönlich von der SBahn ab. Im Büro ein Plakat, Frauenhand mit messerscharfen, grün lackierten Nägeln, ein Präservativ. Darunter steht: "Dichtheit erspart Folgekosten". Im Regal der Klassiker Optimierung geschraubter Flanschverbindungen. Und die Branchenbibel Handbuch Dichtungspraxis vom deutschen Dichtungspapst Wolfgang Tietze.

Was ist eine Dichtung, Herr Jung? "Ein Konstruktionsteil, das ungewollte Stoffströme zwischen funktionsmäßig getrennten Räumen einer Maschine verhindern soll." Und Dichtheit? Der gelernte Schlosser und Betriebswirt lacht: "Nicht mal eine Schweißverbindung ist dicht!" Die Dichtungen, mit denen er zu tun hat, sind Flanschdichtungen. Flansche heißen jene Stellen, an denen Rohre mit Rohren oder Apparaten verbunden werden. Mehrere Millionen von Flanschdichtungen sind in großen Raffinerien verbaut. Und sie erscheinen nach Jungs Beschreibung fast so löchrig wie ein Schweizer Käse. Durch Poren, Ritzen, feinste Röhrchen und an den abzudichtenden Flächen entlang kriechen die Moleküle. Niemand hält sie auf. Unter Dichtungsleuten hat sich darum der Euphemismus "technische Dichtheit" durchgesetzt: Dicht ist, was so dicht ist, wie es sein soll.

Und wie dicht soll es sein? Augenblicklich versagen bei Jung alle Dichtungen, und er legt los. Empörung liegt in seiner Stimme. Er redet über Normen, DIN und EN, die Normen des Verbandes der Deutschen Ingenieure, die quasi Gesetzeskraft haben, weil bequeme Umweltbürokraten aus den VDI-Normen ohne großes Nachdenken verbindliche technische Anleitungen machen – niedergelegt in der TA Luft. Und wer sitzt in den entscheidenden Gremien? Jungs Konkurrenz. Die Platzhirsche mit ihren undichten Dichtungen. Sie wachen darüber, dass die Normen zu ihren Produkten passen und nicht zu denen von Parvenü Jung, der mit den Ökos rummacht und Trittin die Hand gibt. Jung winkt mit einem Gutachten der Staatlichen Materialprüfungsanstalt Stuttgart: Bis zu 108-mal so dicht wie der "Stand der Technik" sind seine Dichtungen und um fünf Größenordnungen besser, als die TA Luft verlangt. Und was ist der Lohn? "Sie behandeln uns wie Aussätzige." Sagt Jungs Prokurist Peter Lingnau, der im VDI-Normungsausschuss sitzt.

Kein Wunder, dass Alfred Jung über schlaflose Nächte klagt. Jungtec schrumpft, hat heute drei Mitarbeiter weniger und fast den halben Umsatz des Jahres 2000 verloren. Die Kunden haben zwar klingende Namen und sind – der Chef wedelt mit einem Packen Referenzen – zufrieden. Doch Bayer, BP, Solvay Fluor, Linde und Degussa ordern bei Jung vorwiegend für problematische Einzelfälle.