Edel funkelnd, liegen die "gekapselten Flachprofildichtungen" auf dem Tisch. Rund, stählern, mit zwei erhabenen, zugespitzten Ringen ("Zähnen"), zwischen denen eine Portion Grafit klebt. Grafit ist ein altbewährtes Dichtmittel, sehr temperaturbeständig, neigt indes unter Druck zum Kriechen "wie Butter". Jungs Idee war, den Grafit vollständig metallisch zu umkapseln. Bei der Montage seiner Dichtung werden die Flanschschrauben angezogen, und so wird die schwarze Dichtmasse optimal verdichtet, ohne dass sie weg kann. Die Stahlzähne graben sich ein wenig in den Flansch. Und machen die Flanschverbindung beinahe vollkommen dicht. Offenbar zu dicht für diese Welt.

Schönebeck an der Elbe, dicht bei Magdeburg. Ja, ja, die tollen, ausgezeichneten Flanschdichtungen aus Pulheim. "Man braucht sie nicht", so nüchtern lautet das Diktum des Dichtungspapstes. Wolfgang Tietze gewährt eine Audienz in seinen Privatgemächern. Der emeritierte Dichtungsspezialist der Fachhochschule Münster, langjähriger Chef des Steinfurter Dichtungslabors und Herausgeber des Periodikums Dichtungstechnik, symbolisiert wie kein Zweiter die leicht depressive Grundstimmung in dieser wenig beachteten und sträflich unterschätzten Nische des Maschinenbaus.

Wo Luftbläschen aufsteigen, muss auch das Loch sein

Selbst seine wissenschaftliche Laufbahn wirkt merkwürdig ungewollt. Seit er sich einst, in den sechziger Jahren, im Zusammenhang mit seiner Promotion im Magdeburger Armaturenwerk mit Dichtungen befasste, klebt dieses Thema an ihm wie eine alte Grafitdichtung auf dem Stahlflansch. Alle Ausbruchsversuche scheiterten. Zuletzt, als Tietze 1993 dem Ruf an die FH Münster folgte, freute er sich auf die Beschäftigung mit Lasertechnik. Doch auch hier komplimentierte man ihn in die "nicht so angesehene" Dichtungstechnik. Schon in der DDR hatte er einmal unvorsichtigerweise Kollegen aus dem Inland und dem befreundeten Ausland zu einem Fachgespräch eingeladen. Seither wird er das zum Familientreffen der Branche entwickelte periodische "Dichtungskolloquium" nicht mehr los.

Historisch gesehen, ist die Dichtungstechnik ein Stiefkind des Maschinenbaus, eine Frickel- und Behelfstechnik. Leder, Papier, Flachsfasern – einigermaßen dicht reichte, Schrauben ordentlich anziehen, regelmäßig nachziehen, bei Bedarf Dichtung austauschen. Und als auch noch der mineralische Wunderwerkstoff Asbest als das Dichtmittel schlechthin entdeckt war, dem hohe Temperaturen (bis 550 Grad) und aggressive Chemikalien kaum zusetzten, schienen die meisten Dichtungsprobleme auf einen Schlag gelöst. Forschung und Entwicklung wurden zweitrangig. Ein Beispiel: Bis in die sechziger Jahre erfasste man Leckageverluste bei Dichtungen mit Methoden, die man eher der Bastlerszene zurechnen würde: mittels Schnüffeltest. Beliebt war auch das formidable Bläschenzählen, das der Radler beim Plattfuß anwendet: Aufgepumpter Schlauch kommt unter Wasser; wo Luftbläschen aufsteigen, ist das Loch.

Es waren Leute wie Tietze, die vor 40 Jahren begannen, die an Dichtungen austretenden Gasmengen über Druckverluste mit wissenschaftlichen Methoden so zu messen, dass andere Wissenschaftler ihre Messergebnisse reproduzieren konnten. Der Hintergrund war nicht etwa frühes Ökodenken, es waren die merklichen Stoffverluste durch Leckagen. Mit zunehmendem Umweltbewusstsein rückten dann aber langsam auch die diffusen Emissionen in den Blick der Öffentlichkeit. Anfang der Neunziger besagte eine Studie des Bundesforschungsministers, rund 30 Prozent der Luftschadstoffe entstammten "diffusen Quellen" wie Tanks, Lagern und eben lecken Dichtungen. Doch richtige Dynamik ins Fach brachte eine andere Entwicklung, die die Branche erschütterte wie nichts sonst: Asbest geriet in Verruf. Die lungengängigen Fasern machten krank. Mit Langzeitwirkung: Die Berufsgenossenschaften rechnen heute, elf Jahre nach dem endgültigen Asbest-Verbot, mit 20000 Asbest-Toten bis 2020.

Mit einem Schlag war den Dichtungsleuten ihr Lieblingsstoff entzogen. Die Suche nach einem Ersatz-Allrounder blieb erfolglos. Eine Zeit lang hieß der Favorit Aramid (Kevlar), doch diese High-Tech-Faser versagte bei hohen Temperaturen. Heute bastelt jeder große Hersteller an Speziallösungen, der Dichtungsmarkt ist unübersichtlich, Glasfasern und Karbonfasern, Aramid, Grafit und Teflon sind im Einsatz. Es gibt Pfennigprodukte und mehrere tausend Euro teure Dichtungen, die feinsten sind Dichtungen für die Raumfahrt aus Gold. "Ein grauer Bereich", sagt Tietze.