Das Bild ist noch vertraut. Jedes Mal, wenn in den Fernsehberichten die Kamera über die Küste von Khao Lak schwenkt, habe ich das Gefühl, wieder am Steuer eines klapperigen Suzuki-Jeeps die Hügelkuppe zu überqueren. Die Hauptstraße H4 von Phuket in Richtung Ranong, an der Grenze zu Birma, schenkt einem an dieser Stelle einen spektakulären Ausblick: Über zwölf Kilometer erstreckt sich der Strand, eine gezackte weiße Linie, rechts davon sattgrüner Dschungel, Kautschuk- und Kokosplantagen, links davon das Meer, leuchtend in unendlichen Blautönen.

Die Straße schlängelt sich hinab, und spätestens jetzt klaffen Fernsehbild und Erinnerung auseinander. Das klare Wasser ist brackig-braun, der Strand übersät von unkenntlichem Katastrophenschutt. Ohne hinzusehen, weiß ich: Das Khao Lak Laguna Resort steht nicht mehr da, diese prächtige Gartenanlage, in der die Warane stolzierten und man in lauschigen Pavillons den Tee nahm. Wir hatten natürlich einen Beach Front Bungalow, zehn Meter vom Strand entfernt, wo uns die Wellen bis ans Kopfkissen plätscherten. Das zweitschönste Einschlafgeräusch der Welt.

Damals gab es in Khao Lak noch keine 5.000 Betten. Im Hinterland liegt ein großer Nationalpark. Die Touristik-Konzerne hatten schon ihre Tentakel ausgestreckt, doch die Gegend sollte angeblich behutsam aufgebaut und nicht so ein industrieller Vergnügungspark werden wie Patong auf Phuket. Abseits, in der Strandböschung, kampierten See-Nomaden, vor Jahrhunderten aus Polynesien eingewanderte, noch immer nicht sesshafte Fischer, die die Küsten der Andamanen-See befahren. Manchmal versteckten sich am Strand auch illegale Einwanderer aus Birma, die für eine Schüssel Reis die Großanlagen erbauten.

Hinterm Haus grasen die Büffel, abends hört man die Thai singen

Das Bangsak Beach Resort liegt 25 Kilometer weiter nördlich. Eine ökologisch geführte Oase der Ruhe, irgendwo auf dem Weg nach Takua Pa, der nächsten Provinzhauptstadt. Holzstege führten durch den dichten Baumbestand. Immer wenn ich im Hotel-Shop Wasser kaufte, sagte der Verkäufer: "Mind your head", damit ich mich nicht am niedrigen Türrahmen stieß. Im unendlich weichen Thai-Akzent klang es etwa wie: "Mein jo hee." Das sagte er mir mehrmals am Tag. "Mein jo hee." Bis ich wirklich einmal mit dem Kopf gegen den Balken knallte – und wir nach dem Gelächter ein Gespräch über die körperlichen Unterschiede zwischen Farang (zu Deutsch: Langnasen) und Thai begannen. Farang schwitzen ja schon bei 30 Grad. Wir waren so weit weg von allem. Woanders hätte die Welt untergehen können.

Jetzt ist sie hier untergegangen. In Bangsak stehe nur noch das auf Stelzen erbaute Hauptgebäude, heißt es im Internet-Gästebuch des Hauses. Das Resort existiert nicht mehr, aber auf der Netzseite tauschen sich die Urlauber aus. Das Internet wird zum wichtigsten Medium, schneller als jeder TV-Sender. Krankenhäuser veröffentlichen Patientenlisten, und das thailändische Portal www.sawadee.com unterhält eine stündlich aktualisierte Aufstellung des Zustands auch der kleineren Hotels und Bungalow-Anlagen sowie eine Karte mit den betroffenen Inseln und Küstenabschnitten. Wenn sich die Journalisten mit der Geografie vertraut gemacht haben, werden Tragödien aus den entlegeneren Gebieten folgen. Wer kann schon all diese Kos und Phas auseinander halten? Ko Phi Phi, das angebliche Postkartenidyll, ist ausgelöscht. Aus der Waterfall Bay auf Ko Lanta, wo die Gibbons durch die Palmen tobten, gibt es bislang keine Nachrichten. Ob es Ko Bulon Lae noch gibt, das etwas mehr als handtuchgroße Eiland mitten in einem Korallengarten? Werden auch hier bald die Leichenbilder die Erinnerungen überlagern?

Auf Ko Sukorn, meiner Lieblingsinsel, weit im Süden, nahe der Grenze zu Malaysia, betreiben Dee und Dick, ein Thai und ein Holländer, ein Resort, wie ich es schöner in Thailand nicht kenne. Ko Sukorn ist nur mit dem Longtail-Boot erreichbar. Die Bungalows stehen unter hohen Palmen direkt am Wasser. Sie haben keine Klimaanlage und nur vier Stunden am Tag Strom. Hinterm Haus grasen die Wasserbüffel. Abends hört man den Beweis dafür, dass jeder Thai mindestens fünfzig Lieder singen kann. Und beim Fußballspielen am Strand hat man das Gefühl, von ihnen umlaufen zu werden wie eine Verkehrsinsel. Auf dem letzten Bild, das ich von Dee und Dick habe, stehen sie am Ufer und winken unserem ablegenden Boot hinterher.

Am zweiten Weihnachtstag schrieb ich ihnen eine E-Mail. Die Antwort kam am nächsten Morgen: "Ko Sukorn was hit only a little bit. We are all safe and fine." Das war die erste gute Nachricht.