Beginnen wir mit dem Zitat eines Jüngeren. Jean Paul, vier Jahre nach Schiller geboren, schrieb: "Wenn ich meinen Hund lang’ anschau mit seiner Nähe an die Menschenform: so denk’ ich mir ein Menschengesicht behaart und die Menschenhand; und diese Einsperrung und Einhüllung eines Geists thut mir weh."

Friedrich Schiller muss es ähnlich gegangen sein, wenn er die Menschen ansah. Er sah Seelen in einem Tierkörper. Und diese Einhüllung eines Geists tat ihm weh.

Was ist der Mensch bei Schiller? Das "unselige Mittelding zwischen Vieh und Engel". In seinen theoretischen Schriften wimmelt es von Schmähungen gegen das Fleisch. Der Körper ist "träger Gefährte der Seele", Anhängsel, Hindernis. Der Unterleib raubt uns die Selbstkontrolle, der Schlaf das Da-Sein, der Hunger die Würde. Der Körper ist das Torkelnde, das uns ins Übel verwickelt. Er ist die schlechte Gesellschaft, in der wir untergehen.

So ergibt sich ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Schillers Aufsätzen und seinen Dramen. Der Theoretiker Schiller blickt kühn übers Fleischliche hinweg. Der Dramatiker Schiller muss durchs Fleischliche mitten hindurch. In seinen Aufsätzen ist die Zukunft greifbar nah, in seinen Dramen aber verstellen sich die Figuren den Weg zu ihr, sie ist nur mittels des Sprungs durch den Feuerring, aus der Gesellschaft in den Tod, zu erreichen. Im historischen Essay führt Schiller als allwissender Erzähler die Menschheit; im Drama lässt er seine Figuren allein. Auf der Bühne sind die Menschen verlorene Kinder, denen ein Gottvater dabei zusieht, wie sie ihn suchen. So haben Schillers Theaterfiguren einen großen Auftrag: Sie müssen sterbend das Ganze bessern. Sie stürzen sich zu Tode in der exemplarischen Turbulenz, wo der Essayist Schiller heiter über alle Wetter hinfliegt.

In seinen philosophischen Briefen spielt Schiller ein Gedankenspiel, welches sich, in Variationen, immer wieder in seinen Dramen findet. Angenommen, ein Mensch hätte die Möglichkeit, der Menschheit auf Jahrhunderte hin Glück zu bringen – unter der Bedingung, dass er sein Leben opferte. Völlig klar, sagt Schiller, dass dieses Opfer gebracht werden muss. Er stellt sich den Mann vor, der das Opfer bringt: "Laß in seiner Seele das vollständige Ideal jener großen Wirkung emporsteigen – laß in dunkler Ahndung vorübergehen an ihm alle Glückliche, die er schaffen soll – laß die Gegenwart und die Zukunft zugleich in seinem Geist sich zusammendrängen… Die Summe aller dieser Empfindungen wird sich verwirren mit seiner Persönlichkeit, wird mit seinem Ich in eins zusammenfließen. Das Menschengeschlecht, das er jetzt sich denket, ist er selbst. Es ist ein Körper, in welchem sein Leben, vergessen und entbehrlich, wie ein Blutstropfe schwimmt – wie schnell wird er ihn für seine Gesundheit versprützen!"

Der Mann, der sich da opfert, erlebt in Gedanken eine Orgie: Er vereint sich mit der Menschheit. Er gleicht einem Akrobaten, der auf erhobener Hand fünf Generationen trägt. Er nimmt die Parade der dankbaren Nachgeborenen ab, die er schaffen soll. Das ist seine Belohnung: das Allmachtsglück im Untergang.

Man belausche Schillers Figuren in den Momenten, da sie sich losgesagt haben von der "Maschine" des Körpers und der Gesellschaft, und man erlebt Varianten dieses Allmachts- und Verschwindensrausches.

Jedoch, wollen sie nicht tiefer belohnt werden? Schiller schreibt zwar: "Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unsterblichkeit auslangt, die auch auf Gefahr der Vernichtung das nämliche Opfer wirkt… Rücksicht auf eine belohnende Zukunft schließt die Liebe aus."