Die ganze Dehnung des Weltsystems! Und in ihm eingespannt wie eine Saite: das Seelenfasergewirk des Einzelmenschen, Ewigkeit und Fleisch, das Tiermenschenkind. Es gibt nicht die freien Lüfte; es gibt nur die zwischen den Grenzen der Zukunft und Vergangenheit hin und her schwirrenden Spinnwebimpulse, sprich: Taten, Entschlüsse, Pläne der Menschen, von denen die Lüfte durchschossen werden.

Alles, was der Einzelne tut, rührt das System, und selbst wenn er sich außerhalb des Systems stellt, so ist er von ihm noch umsponnen – es gibt kein Verstummen, kein Nichts. So ist jeder Tod auch eine Umkehr. Selbst der schäumende Nihilist Franz Moor widerlegt in den Räubern seine Suada von der Morastigkeit des Menschen durch einen Willensakt: er erwürgt sich. Das Gute in ihm schlägt sich, von den krallenden Händen her, auf die Seite Gottes. Gott sitzt in seinen Händen und zerrt von drüben den Rest hinüber.

Der selbstständige Geist, so Schiller, "läßt die von ihm abhängende Natur, sowohl da, wo sie im Dienste seines Willens handelt, als da, wo sie seinem Willen vorgreifen will, erfahren, daß er ihr Herr ist". Er zeigt’s ihr, indem er sie abstreift, die Maschine, er zeigt ihr sterbend, wer der Herr ist, nämlich indem er sie entlässt, und selbst die Damen sind bei Schiller recht eigentlich Herren oder werden es spätestens im Sterben.

"Nicht mein Geschlecht beschwöre! Nenne mich nicht Weib"

Johanna, die Jungfrau von Orleans, sagt zu Montgomery, den sie im Schwertkampf töten wird: "Nicht mein Geschlecht beschwöre! / Nenne mich nicht Weib / Gleichwie die körperlosen Geister, die nicht frein / Auf irdische Weise, schließ ich mich an kein Geschlecht / Der Menschen an, und dieser Panzer deckt mein Herz."

Der Trieb gehört zum Maschinenbereich des Menschen, zur Unterklasse unter der Haut, für die Schillers Theaterfiguren sich verachten und am Ende selbst in den Staub schicken.

Der Mensch von heute will seinen Körper pflegen, bewohnen, sich an ihn ketten, in ihm aufgehen. Der Mensch bei Schiller will seinen Körper erziehen, strafen, loswerden. Der Mensch von heute ist Kind, Schüler, Angestellter, Sekretär seines Leibs. Der Mensch bei Schiller ist Vormund, Zuchtmeister, Gegenspieler seines Leibs.