W äre der Film nicht so abgründig harmlos und so bundesrepublikanisch bieder, hätte sein Titel zur Parole werden können: Die fetten Jahre sind vorbei. Es gibt so etwas wie eine Wiederkehr des Politischen unter den stilbildenden Gruppen in Deutschland. Nicht als Durchschnittsphänomen, aber unter denen, die den Takt vorgeben. Das geht von jüngeren Leuten aus, ist aber nicht auf Fünfzehn- bis Fünfundzwanzigjährige beschränkt. Es handelt sich um Gutgebildete, aber noch nicht Gutsituierte, die sich die Frage stellen, ob die ironische Affirmation des Bestehenden wirklich das letzte Wort sei. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von der wattierten Empfindsamkeit der Generation Golf. Die Liebe zu den Dingen des Konsums wirkt plötzlich hilflos und belanglos. Es gibt wieder eine soziale Frage und den Ernst des Lebens. Die Zeiten sind nicht unbedingt härter, aber ganz sicher unmissverständlicher geworden.

Es ist noch nicht klar, auf welchen Punkt das zustrebt, aber man trifft diese Leute bei Ausstellungen über "schrumpfende Städte", in denen sie sich in ästhetisch anspruchsvoller Aufbereitung über die Lebensweisen von "Überflüssigen" informieren. Sie lesen wieder Brecht und Kafka und hören die Musik von Gruppen wie Calexico, die sich in ihren Songs der prekären Existenz der Grenzgänger zwischen Mexiko und den USA widmen. Viele haben für sich das Fernsehen abgeschafft und hoffen auf einen passablen Einkommensmix, der ihnen ein Leben ohne soziale Abstürze ermöglicht. Sie wissen, dass etwas zu tun ist, aber sie haben keine Vorstellung davon, was das bedeuten kann. Sie sind zu klug für ideologische Aufgeregtheit, aber auch zu neugierig für antiideologische Abgeklärtheit. Sie wollen sich nicht mit allem abfinden. Der Begriff für das, was sie suchen, ist der der Politik.

Attac ist die erste Antwort einer Orientierung, wenn man die Angebote der Parteien für das eigene Engagement und die persönliche Klärung verworfen hat. Da wird eine starke Moral mit einem kosmopolitischen Horizont geboten. Bei Attac vollzieht sich Politik nicht in einem Apparat, den man notgedrungen zu akzeptieren hat, sondern wendet sich gegen eine Form von Politik, die sich in den Dienst der Herrschaft stellt. Welcher Partei auch immer man sich anschließt, am Ende muss man die Intensivierung der Ausbeutung (Hartz IV) oder die Mobilisierung von Gewalt (Auslandseinsätze der Bundeswehr) verteidigen. Dagegen steht das Engagement für die Unterdrückten und Beleidigten, die überall auf der Welt demselben System von Produktionssteigerung unterworfen sind. Politik bezieht sich hier auf einen Akt der Dissidenz, in dem sich, wie es bei Michael Hardt und Antonio Negri heißt, die Lebendigkeit der vielgestaltigen "Menge" gegen das identitäre Kommando des "Empire" stellt. In diesem Moment möglicherweise sinnlosen Aufbegehrens gewinnt man seine eigene Handlungsfähigkeit und fühlt sich als Teil einer kosmopolitischen Bewegung der Wiederaneignung einer entglittenen Welt. Politik setzt nach diesem Verständnis dem Elend der Macht die Freude am Sein entgegen.

Es ist also das Selbst, um das sich die Politik dreht. Das Erlebnis von Handlungsfähigkeit in dem Gefühl, dass man gemeinsam etwas tun kann, stellt das zentrale Anliegen von Politik dar. Darin allerdings besteht kein Unterschied zu Therapie, Sport oder der Gruppenarbeit in einem Betrieb. Die Sprache des Empowerments kann die antiinstitutionelle Politik im Stile von Attac nicht allein für sich reklamieren. Das Durchatmen des Selbst und die Stärkung seiner Beteiligung an der gemeinsamen Aktivität wollen sie alle. Man kann sich nach einer Therapiestunde, nach dem Sieg über die gegnerische Mannschaft, nach der Erfüllung einer Zielvereinbarung genauso gut und gelöst fühlen wie nach der Beteiligung an einer machtvollen Demonstration. Ein von allen Formen der Repräsentation losgelöster Partizipationsbegriff reduziert die Politik aufs Erlebnis. Man befindet sich dann jenseits der klassischen, von Max Weber aufgeworfenen Fragen von Gesinnung und Verantwortung, weil nur ein Maßstab für die Politik gilt: Die Steigerungen der Möglichkeiten für das Selbst im Verein mit den anderen.

Ein anderer Attraktionsbegriff von Politik setzt auf das Bessermachen und Andersverstehen. Dafür steht das Logo NGO, auf Deutsch die Nicht-Regierungs-Organisationen, die im Ausgang vom Ökologiethema eine andere Art von Weltpolitik anstreben. Hier geht es um Manöver der Bewusstmachung, Strategien der Andersverwendung und Pakte des Interessensausgleichs. Dahinter steckt die Idee einer anderen Intelligenz von sozialer Steuerung und gesellschaftlichem Ausgleich. Davon sollen sich die Klügsten und Besten angezogen fühlen, die die Welt im Dienste verallgemeinerungsfähiger Interessen besser machen wollen. Das Wissen des Besseren bildet nach diesem Verständnis den Kern des politischen Engagements. Wer in den NGOs aktiv werden will, sollte in Oxford Außenpolitik, in Mannheim Finanzpolitik, in Paris Technikpolitik und in Florenz Rechtspolitik studieren, um auf die Kommissionen und Denkfabriken der internationalen Netzwerke Einfluss zu gewinnen.

Dieses Verständnis von Politik passt vielleicht für diejenigen, die in internationalen Organisationen Karriere machen wollen, missversteht aber den Antrieb zum politischen Engagement. Die Frage der Politik, die die jungen Leute wieder umtreibt, betrifft weder das Erlebnis von Handlungsfähigkeit noch das Wissen um eine bessere Welt, sondern die Frage, wie wir leben wollen. Darin steckt der Streit, der die Gesellschaft zusammenhält. Denn die Antwort darauf sagt immer auch, wie ich mich selbst verstehe. Es ist dieser Zusammenhang zwischen dem privaten und dem öffentlichen Glück, der die Leidenschaft zur Politik erklärt. Das Ich sucht den Kontakt zu einem Wir, mit dem es sich verbünden kann. Wer die Politik zu einem schmutzigen Geschäft erklärt, das einen nichts angeht, hat es aufgegeben, ein Leben mit Bedeutung zu führen.

Eine neue Aufmerksamkeit für das Leiden anderer

Deshalb verlangt der politische Streit um die Frage, wie wir leben wollen, einen persönlichen Einsatz. Nicht weil man den Kick einer direkten politischen Aktion braucht, nicht weil man diesen oder jenen Vorschlag für den besseren hält, sondern weil man den Begriff seiner selbst an eine bestimmte Vorstellung vom gemeinsamen Zusammenleben bindet. So vertritt der amerikanische Pragmatist Richard Rorty die Vision einer Gesellschaft liberaler Ironiker, die sich zu kurzfristigen Reformen und pragmatischen Kompromissen zusammenfindet. Dagegen steht die Idee einer Gesellschaft universalistischer Pathetiker auf dem Wege zu einer weltbürgerlichen Ordnung, wie man sie in Deutschland von Jürgen Habermas kennt. Noch einmal anders sieht das Gesellschaftsbild eines Kommunitaristen wie Michael Walzer aus, der sich ein lose gekoppeltes Zusammenleben konkreter Idealisten vorstellt, die aus ihrer jeweiligen Tradition heraus eine bestimmte Praxis von Solidarität pflegen. Die drei könnten sich wahrscheinlich auf Maßnahmen etwa zur Reform des Sozialstaats einigen, aber das täte ihrer Auseinandersetzung über die richtige Gesellschaft keinen Abbruch. Sosehr der eine auf letzte Gründe eines gedeihlichen Zusammenlebens verzichten will, besteht der andere darauf, dass die regulative Idee der Vernunft in allen zwischenmenschlichen Beziehungen waltet. Der dritte mahnt die Stärke der gewachsenen und nur aus ihrer besonderen Gewordenheit zu begreifenden Lebensweisen an. Sie verteidigen ihre jeweiligen Auffassungen, weil damit die ihnen wichtigen Vorstellungen des Selbst, der Gerechtigkeit, der Freiheit verbunden sind.