Kann sein, La Palma stürzt ins Meer. Nicht die ganze Insel natürlich, aber doch so an die 500 Milliarden Tonnen Gestein, abgerissen von der instabilen Westflanke des aktiven Vulkans Cumbre Vieja. Die größte Flutwelle in der Geschichte der Menschheit würde dann westwärts rasen, an der amerikanischen Ostküste wäre sie immer noch an die 50 Meter hoch. "Jederzeit", schrieb das Wissenschaftsmagazin New Scientist, könne es losgehen. Unter Wissenschaftlern ist das umstritten. Kann auch sein, dass der Vulkan noch einige Millionen Jahre hält.

Vielleicht trifft auch ein riesiger Meteorit die Erde. Die Astronomen haben geeignete Kandidaten auf, nein, nicht einem Kollisionskurs, aber doch auf einem bedenklichen Annäherungskurs ausgemacht, Masse und Aufschlagsenergie sind jeweils schon berechnet. Möglich, "dass uns das Problem morgen früh ins Haus steht", behauptet Sir Crispin Tickell, der die Ehre hat, als Mitglied einer britischen Regierungskommission diese Gefahr und mögliche Abwehrmaßnahmen zu untersuchen. Ein Spinner? Die Menschheit, könnte man einwenden, hat derzeit dringendere Sorgen.

Zerbrechende Inseln und Meteoriteneinschläge gehören jener Kategorie "seltener Ereignisse" an, zu der die Wahrscheinlichkeitstheorie zwar Aussagen trifft, aber nur solche, die für Prognosen untauglich sind. Dennoch lassen sich Aussagen über künftige Katastrophen treffen. Sie sind im Großen und Ganzen unerfreulich und besagen, dass wir in den kommenden Jahrzehnten mit mehr und schwereren Unglücken rechnen müssen, als wir es aus den, sagen wir, letzten fünfzig Jahren gewohnt sind. Der Tsunami im Indischen Ozean war wohl nur der Anfang.

Dafür spricht schon der Augenschein. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich nach Berechnungen der Münchener Rückversicherung die Zahl der Naturkatastrophen verdreifacht. Dass es so ist und schlimmer kommen dürfte, liegt an einigen auf mittlere Sicht unaufhaltsamen globalen Entwicklungen. Die wichtigsten davon sind

- Bevölkerungswachstum,
- Klimawandel,
- die wachsende Mobilität,
- die wachsende Beweglichkeit des globalisierten Finanzkapitals.

Im Jahr 1900 besiedelten 1,6 Milliarden Menschen die Erde, 1974 waren es 4 Milliarden, heute sind es mehr als 6 Milliarden, und Mitte des Jahrhunderts werden es um die 9, womöglich gar 12 Milliarden sein. Danach dürfte die Zahl der Menschen wieder kräftig sinken, was nicht unbedingt ein Grund zur Freude ist: Das Phänomen der Überalterung, das sich in Europa ja erst andeutet, dürfte dann mit voller Wucht auch Länder treffen, in denen die Menschen ihr Dasein bislang noch durch harte körperliche Arbeit fristen.

Ob Bevölkerungswachstum selbst schon eine Katastrophe ist, ist umstritten. Unbestreitbar aber werden dicht besiedelte Zonen der Erde besonders anfällig für Naturkatastrophen aller Art. Denn immer mehr Menschen werden sich an gefährlichen Plätzen niederlassen. Schon heute leben einem neuen "Desaster-Report" der UN zufolge 75 Prozent der Weltbevölkerung in Gebieten, die im Laufe der vergangenen 20 Jahre von Erdbeben, Tropenstürmen, Hochwasser und Dürren heimgesucht wurden. Tropenstürme bedrohen mehr als 500 Millionen Chinesen. Sturmfluten gefährden 160 Millionen Inder. 30 Millionen Japaner wohnen in erdbebengefährdeten Regionen. Und insgesamt zwei Drittel der Weltbevölkerung leben weniger als 50 Kilometer von der nächsten Küste entfernt und sind deshalb sämtlichen Gefahren ausgesetzt, die vom Meer kommen - einschließlich Tsunamis.