Biegt man in Lwiw beim legendären Hotel George in eine Seitengasse, blickt einem auf Kniehöhe die Armut entgegen. Auf dem Bürgersteig kauert ein alte Frau und bietet drei Petersilienwurzeln und fünf Möhren feil. Neben ihr sitzt eine in Lumpen gehüllte zweite Alte mit einem Glas saurer Sahne und ein paar Roten Beten, auf einem Karton liegen sieben winzig kleine Äpfel. An der anderen Straßenseite, schräg gegenüber, steht das mit bunter Grafitti besprayte Zentrum von "Unsere Ukraine" – jenem politischen Sammelbecken, dessen Chef Wiktor Juschtschenko am vorvergangenen Sonntag in der Ukraine zum neuen Präsidenten gewählt wurde.

Die Alten beim Hotel George sind ein Sinnbild für einige der Probleme, die Juschtschenko erwarten. Das Land, in dem er künftig regieren soll, ist bitterarm. Seine Wirtschaft wächst, aber das Wachstum kommt den wenigsten Menschen und den wenigsten Regionen wirklich zugute. Zugleich wird das politische und wirtschaftliche Leben von einer Hand voll Milliardäre bestimmt, denen ihre engen Verbindungen zu den bisher in der Ukraine regierenden Regimen Geld und Macht bescherten – und die jetzt alles daransetzen werden, ihren Einfluss zu behalten.

Rund fünfzig Euro im Monat beträgt der Durchschnittslohn in den Regionen rund um Lwiw. Im Landesdurchschnitt sind es gut dreißig Euro mehr. Anders als im Rest Osteuropas verläuft das Einkommensgefälle in der Ukraine von Ost nach West. Im Osten liegen die riesigen, noch zu Sowjetzeiten errichteten Stahlkombinate des Donbass, die von den höchsten Weltmarktpreisen seit Jahren profitieren. Im Westen prägt die Landwirtschaft das Leben, aber leben können von ihr nur die wenigsten. Entlang der ukrainischen Westgrenze liegt die Arbeitslosigkeit mitunter bei 60 Prozent. Selbst die vielerorts zerfallende Metropole Lwiw, das einstige habsburgische Lemberg, erscheint hier noch fast wie ein Schlaraffenland.

"In Lwiw liegt das Geld", sagt das Schulmädchen Marta. Im Lokalzug zwischen Tscherwonograd und Lwiw pilgert die Kleine von Wagen zu Wagen und versucht, Zündholzschachteln zu verkaufen. Die Ware hat ihr Bruder am Monatsende anstelle seines Lohns bekommen; nun muss sie in Bares verwandelt werden. Für Essen, für Kohle. Ein Drittel der 47 Millionen Ukrainer lebt unter der offiziellen Armutsgrenze. Das der Fläche nach größte Land Europas ist hinter Moldau und Albanien die drittärmste Nation des Kontinents.

Dabei zeigt die Wirtschaft – den Zahlen nach – nirgendwo sonst so viel Dynamik. Sage und schreibe 14,4 Prozent betrug das Wachstum in den ersten neun Monaten des Jahres 2004, schon 2003 hatte die ukrainische Wirtschaft um 9,4 Prozent zugelegt. Von dem Plus profitiert allerdings nur eine Minderheit. Zählt man die von der letzten Regierung mit Wahlgeschenken bestochenen Staatsbeamten nicht mit, bekam 2004 nur jeder zehnte beschäftigte Ukrainer überhaupt mehr Lohn als im Jahr zuvor.

Profitieren tun andere. Der Motor des ukrainischen Wirtschaftswunders ist der Export. Die Auslandsnachfrage beschränkt sich dabei auf wenige Schlüsselprodukte, in erster Linie Stahl, weit dahinter Düngemittel. Sie machen rund die Hälfte des Exports aus, der allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2004 um 39 Prozent gewachsen ist. Vor allem die Chinesen kaufen Stahl in der Ukraine; auch die traditionell mit dem Donbass eng verbundene russische Rohstoffindustrie ist ein wichtiger Abnehmer. Wirklich konkurrenzfähig ist gerade die Kohleproduktion allerdings nicht. Nach wie vor werden die – überwiegend defizitär arbeitenden – Kohlebergwerke mit riesigen Summen subventioniert. Staatlich festgelegte Preise, die weit unter Weltmarktniveau liegen, sorgen überdies dafür, dass die Kohle billig an die Stahlwerke geht – und damit die Stahlproduktion noch profitabler wird.

Daran verdienen einige der etwa ein Dutzend Oligarchen, die das Wirtschaftsleben der Ukraine fest in der Hand haben. Man unterscheidet drei Clans, die vor allem in der östlichen Landeshälfte agieren und eng mit den früheren Machthabern verbandelt sind. Aus dem Dnjepropetrowsker Clan stammt der ausscheidende Präsident Leonid Kutschma. Er wird von Kutschmas Schwiegersohn Wiktor Pintschuk angeführt, der laut dem polnischen Wochenmagazin Wprost mit einem Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar der zehntreichste Osteuropäer überhaupt ist. Der im Volksmund "Röhrenkönig" gerufene Pintschuk kontrolliert die Firma Interpipe, die vor allem nach Russland liefert. Viel Geld macht der Clan außerdem mit Stahl- und Kraftwerken sowie in dem bereits zu Sowjetzeiten in Dnjepropetrowsk beheimateten Rüstungssektor, dem auch Kutschma diente, bevor er in die Politik ging.

An der Spitze des im Vergleich zu den Oligarchen aus Dnjepropetrowsk "armen" Kiewer Clans steht der ehemalige Leiter von Kutschmas Präsidialadministration, Wiktor Medwedschuk. "Kiew" hat sich vor allem im Banken- und Mediensektor sowie im Handel breit gemacht. Medwedschuk, dessen Vermögen auf weniger als eine Milliarde Dollar zusammengeschrumpft sein soll, besitzt die zwei beliebtesten ukrainischen TV-Sender. Sein Mitstreiter Hryhorji Surkis hat sich vor allem den Genussmittelhandel unter den Nagel gerissen. Offiziell kümmert sich Surkis allerdings nur noch um sein Lieblingskind, den Fußballclub Dynamo Kiew.