Laut Transparency International ist die Ukraine das korrupteste Land Europas

Mit dieser Leidenschaft steht er einem anderen ukrainischen Fußballfan nahe – Rinat Achmetow, dem Besitzer von Schachtjor Donezk. Achmetow belegt laut Wprost Platz sechs unter den Oligarchen Osteuropas. Seine Finanzgesellschaft System Capital Management (SCM) kontrolliert vor allem die Stahlproduktion im Donbass. Der 38-Jährige soll 3,5 Milliarden Dollar besitzen und im Wahlkampf zwischen 600 und 900 Millionen Dollar für den unterlegenen Regierungskandidaten Wiktor Janukowitsch ausgeworfen haben. Damit, so wird vermutet, habe er sich gegenüber Janukowitsch für die Verdoppelung seines Reichtums in dessen Amtszeit als Premier erkenntlich gezeigt.

Die Ökonomie der Ukraine sei eine "Insider-Wirtschaft", kritisierte schon vor einiger Zeit die Weltbank. Ein raffiniertes, von außen kaum durchschaubares Geflecht zwischen den mächtigsten Politikern und Wirtschaftsfürsten erlaubte den Clans Zugang zu Staatsvermögen und den ersten Zuschlag bei lukrativen Privatisierungen. Mit diesem System ist die Ukraine laut Transparency International zum korruptesten Land Europas geworden. Bestes Beispiel dafür ist die Privatisierung des Stahlerzeugers Kirowostal, der allein für rund zwanzig Prozent der Landesproduktion verantwortlich ist. Hier kam im vergangenen Sommer eine Offerte von Pintschuk und Achmetow zum Zug, die zusammen 880 Millionen Dollar geboten hatten – obwohl ein russisches und ein luxemburgisches Unternehmen jeweils rund doppelt so viel bezahlen wollten.

"Die Priorität der neuen Regierung wird es sein, die Wirtschaft aus dem Schattenbereich herauszuführen", hat Wahlsieger Wiktor Juschtschenko angekündigt. Den Oligarchen droht der neue Präsident mit einer Überprüfung der Privatisierungsgeschäfte, die Monopole der Donbass-Konzerne sollen zerschlagen werden. Allerdings zählt auch Juschtschenko eine Reihe kleinerer Oligarchen – etwa die Dnjepropetrowsker "Erdgasprinzessin" Julia Timoschenko oder der "Schockoladenkönig" Petro Poroschenko – zu seinen Gefolgsleuten. Als Regierungschef unter Kutschma hatte er sich vor fünf Jahren schon einmal mit den ostukrainischen Oligarchen angelegt. Das kostete ihn im April 2001 den Posten. In Kiew geht man deshalb davon aus, dass es der als liberaler Reformer antretende neue Präsident vorerst bei einer Neuaufrollung der Kirowostal-Privatisierung belassen wird. "Juschtschenko wird nicht an den Oligarchen vorbeikommen. Will er Erfolg haben, muss er sich mit ihnen arrangieren", prophezeit der Kiewer Politologe Wolodymyr Fesenko.

Für die Kumpel im Donbass wird sich ihr Leben ohnehin so schnell nicht ändern. Die Bergarbeitersiedlung Krupskaja in der 400000 Einwohner zählenden Stadt Makejewka unterscheidet sich kaum von Hunderten ähnlicher Siedlungen im ostukrainischen Kohlenpott: Am Rande einer Abraumhalde stehen ein paar windschiefe Holzhäuser. Angetrunkene Gestalten wanken durch den Schlamm, in den Müllhaufen streunen Hunde. Es gibt keine Kanalisation, kein Warmwasser, kein Gas; das Trinkwasser wird in Zisternenwagen herbeigekarrt.

Die Fahrt von hier in die nahe Millionenstadt Donezk führt über löchrige Straßen, vorbei an Friedhöfen, verrosteten Förderbändern und stillgelegten Schächten. Würden alle im Westen üblichen Sicherheitsbestimmungen eingehalten, müssten noch mehr Schächte schließen. "Pro Million Tonnen geförderter Kohle sterben acht Kumpel", mehr als fast überall auf der Welt, rechnet Anatolij Akimotschin vor, Gewerkschaftschef im Donezker Gebiet. Dafür verdient ein Donezker Bergmann rund achtzig Euro im Monat. Mehr als die alten Frauen in Lwiw. Immerhin.