New York

Es war derselbe ernst und übernächtigt dreinblickende Jan Egeland, der am Sonntagnachmittag seine tägliche Pressekonferenz im New Yorker UN-Gebäude hielt. Doch war es eine deutlich geänderte Botschaft, die der Chefkoordinator der Flutkatastrophenhilfe der Vereinten Nationen loswerden wollte. "Ich bin Tag für Tag zuversichtlicher, dass das globale System dieser enormen Aufgabe gewachsen ist", verkündete Egeland – nachdem er tagelang nur menschliches Leid zu schildern und unentwegt steigende Totenzahlen bekannt zu geben hatte. Nachdem er von feststeckenden Hilfskonvois und überladenen Regionalflughäfen berichten musste, von knappem Geld, knappem Benzin und knappem Wasser.

"Zunehmend wirksam" würden jetzt die Hilfen der Vereinten Nationen und ihrer Partner: Geberländer, Militärs und zivile Hilfswerke seien beteiligt, und mehrere hundert Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. Die Hilfszusagen summierten sich jetzt auf mehr als zwei Milliarden Dollar, hinzu kamen Sachhilfen, private Spenden, ein sämtliche Rekorde brechendes humanitäres Engagement. "Die Welt kommt zusammen wie nie zuvor", sagte Egeland.

Es steckte freilich eine weitere Botschaft hinter dem zur Schau getragenen Optimismus. "Ich hoffe, dass wir uns hier beweisen", erläuterte Egeland in einem Interview mit der ZEIT (im Wortlaut nachzulesen unter www.zeit.de). "Wir zeigen unseren Mitgliedstaaten, dass wir die Einzigen sind, die eine solche Operation koordinieren können."

Das war unmittelbar nach dem Seebeben vom 26. Dezember keineswegs so klar gewesen.

Das Weiße Haus hatte anfänglich nur die klägliche Summe von 15 und dann 25 Millionen Dollar als Soforthilfe angeboten und war dafür sogleich kritisiert worden – doch hinter den Kulissen begannen die Amerikaner mit einer beachtlichen eigenen Mobilisierung. Binnen 24 Stunden entsandten sie ihre ersten Experten zur Lagebeurteilung in die Krisengebiete. U. S. Marines wurden beordert, ein Flugzeugträger auf den Weg geschickt. Doch mit einer Einschränkung: Die Hilfe aus den Vereinigten Staaten sollte nicht den Vereinten Nationen zur Verfügung stehen. Eine amerikanisch geführte "Kerngruppe" mit den Ländern Australien, Japan und Indien sollte sie koordinieren. Am vergangenen Samstag erklärte George W. Bush in seiner wöchentlichen Radioansprache, dass Amerika "eine internationale Koalition führe" und dass "viele weitere Länder dieser Kerngruppe in schneller Folge beitreten werden".

"Eine Art Schönheitskonkurrenz der Helfer ist ausgebrochen"

"Jetzt gibt es nicht ein, sondern zwei Koordinationszentren", schimpfte Moíses Naím, der Chefredakteur des in Washington erscheinenden Magazins Foreign Policy. Etliche Beobachter werteten die Erklärungen aus dem Weißen Haus als Misstrauensbekundung gegen die Vereinten Nationen – die ohnehin derzeit mit Korruptionsvorwürfen rings um das "Öl für Lebensmittel"-Programm im Irak zu kämpfen haben, mit einem Prostitutionsskandal der Blauhelme im Kongo, mit persönlichen Animositäten zwischen George W. Bush und Kofi An-nan und einer ganzen Riege wortstarker Feinde im US-Kongress.