Der Morgen auf dem Wal-Mart-Parkplatz beginnt mit dem Gang zum Mülleimer. Nichts als Asphalt liegt vor ihm, als Riley Williams aus seinem Wohnmobil tritt. 100 Meter bis zum nächsten Müllcontainer, so riesig ist der Parkplatz. Drum unternimmt Williams, Plastiktüte in der Hand, einen kleinen Frühspaziergang. Die Sonne ist schon aufgegangen, steht schräg über dem Portal von Wal-Mart. Mausgrau liegt die Lagerhalle da. Eine blau-rote Linie umfasst das Gebäude wie eine Banderole. Als einziges Zierelement hat sich der Konzern einen Flaggenmast an der Außenfassade geleistet. Das Sternenbanner ist auch morgens um sieben gehisst. Noch eine Stunde, dann wird sich über dem Flachdach die schneebedeckte Vulkankuppe des Mount Adams aus dem Nebel schälen. BILD

Riley Williams grüßt beim Entsorgungsspaziergang freundlich nach links und nach rechts, auf dem Parkplatz ist schon lange vor Geschäftsöffnung Betrieb. Die Kreaturen der Nacht sind einander zugetan, ihr gemeinsames Hobby verbindet sie. Sie nennen sich "Wally Worlders", ihre Welt ist der Parkplatz. Nicht irgendein Parkplatz, ein Wal-Mart-Parkplatz muss es sein, groß wie ein Flugfeld, erleuchtet wie ein Sportstadion bei Nacht. Gut 2500 dieser Asphalthöfe bietet der Kontinent. Tendenz steigend. Denn die vorstädtischen Hochregallager, die Wal-Mart Kaufhäuser nennt, sind unschlagbar billig und rasend erfolgreich. Und nebenbei sind die Parkflächen zu Amerikas beliebtesten Campingplätzen aufgestiegen. Vor dem Wal-Mart der Kleinstadt Hood River in Oregon, gelegen zwischen Autobahn und Gewerbegebiet, haben genau 47 Camper die Nacht zum Samstag verbracht. Und einer von ihnen, Riley Williams, bietet dem herumstreunenden Reporter an: "Kommen Sie doch mit! Ich zeige Ihnen mal was." Er meint Frau und Wohnmobil.

Die Frau heißt Carol und das Wohnmobil Monaco. Sie ist 63, es ist vier. Silbergrau ihr Haar, silbergrau seine Außenhaut. Drinnen bietet Carol einen Sessel an, drehbar und aus Kunstleder. Sie sagt: "Von dort aus kann man eine Menge Amerika sehen." Die Williams haben den Kontinent schon unter die Räder genommen. Sie kommen aus New Jersey, nun fehlt noch das letzte Stück hinunter zum Pazifik. Einen Campingplatz suchen sie gar nicht erst. Stattdessen fragt Carol den Gatten: "Wieder Camp Wal-Mart?" Im Führerhaus liegt der Straßenatlas, herausgegeben von Wal-Mart. Jede Filiale ist eingezeichnet. So fahren sie, als am Freitag die Dämmerung in die Schlucht des Columbia River kriecht, auf den rettenden Hof. Kein Wärterhäuschen steht an der Einfahrt. Camp Wal-Mart nimmt rund um die Uhr Gäste an. Pechschwarz liegt das Asphaltgeviert da, riesig und doch reichlich voll. So ein Wohnmobil gleicht einem Lastwagen. Es blockiert drei oder vier Parkboxen. Am Ende bleibt nur noch ein Platz am Rand – fünf Meter von der Autobahn entfernt. Williams lässt einen kleinen Abstand zum Bordstein, damit noch Raum für den Frühstückstisch bleibt. Dann sucht er nach den Ohrstöpseln für seine Frau. Ihn selber stört Verkehrslärm nicht.

Mit dem Auto-Camping haben die beiden 1976 begonnen, weil sie "die Mückenstiche beim Zelten leid waren". Damals schafften sie einen Kleintransporter an, in dem sie übernachten konnten; heute haben sie ein Haus, das fährt. Damals war der Camper sieben Meter lang, heute sind es zwölf. "Wahrscheinlich", sagt Williams, "ist das Amerikas Bestimmung." Ein Land zu sein, in dem alles immer schöner und größer und komfortabler wird. Die Nation der Übergröße: Supersize America. Williams rechnet vor, wie viele Tage seine fahrende Wohnmaschine ohne Rohstoff-Füllung auskommt. Wie lange sie kein Wasser und keinen Strom braucht – trotz Spülmaschine, Tiefkühlschrank, Fernseher und Computer. Je länger sie autark bleibt, desto länger ist sie Wal-Mart-fähig. Denn der Supermarkt stellt nur Asphalt und Abfalleimer zur Verfügung, sonst nichts. Das aber umsonst.

Riley Williams ist 66 und noch nicht pensioniert, jedenfalls nicht ganz. Sein Unternehmen vermietet Schulbusse. Das kann er auch aus der Ferne steuern, denn das Wohnmobil hat Internet und Telefon. Viele seiner Freunde hätten sich auf ihre alten Tage am Strand oder im Gebirge Häuser gekauft. Nichts für ihn, meint Williams: zu teuer, zu hohe Grundsteuern, und einen Gärtner brauche man auch. "Hier muss ich mich um nichts kümmern, trete jeden Morgen auf gepflegten Asphalt", sagt Williams. "Wohnmobil ist Freiheit."

Zu Wal-Mart kamen die Williams vor ein paar Jahren. Da reisten sie nach Florida zum Autorennen, drei Tage dauerte die Anfahrt. Nachts wollten sie nur irgendwo ranfahren und schlafen. Tankstellen, Krankenhäuser, Kirchen und Feldwege hatten sie schon ausprobiert. Nichts. Da erzählte jemand von Wal-Marts Nachtservice. Seither sind sie Fans. Mitglied im Club "Wal-Mart Bound". Sie tauschen Tipps über die besten Filialen und die größten Parkplätze aus. Das nächste Vereinstreffen sei zufällig am selben Abend, sagen die beiden, natürlich auf einem Parkplatz vor Wal-Mart, irgendwo im Süden Oregons. Ob der Reporter nicht mitkommen wolle?

Es ist neun Uhr. Die ersten Tageskunden kommen, im Windfang vor der gigantischen Verkaufshalle öffnet die Cappuccino-Bar. Direkt daneben steht im Freien ein grober Holztisch. Das ist die Raucherecke, in die sich Dan, Angestellter der Sportabteilung, seit fast zehn Jahren allmorgendlich verzieht. Von hier aus hat er einen guten Blick auf Camp Wal-Mart. "Nette Leute, diese Camper", sagt er, "unheimlich wohlerzogen." Nie lasse jemand Unrat zurück; und wenn doch, räume es ein anderer weg. Die Leute seien eben dankbar fürs Parkrecht. Nachts brauche man kaum noch Sicherheitspersonal. Die Camper passten auf. Als die Filiale öffnete, hätten nur wenige Reisende darum gebeten, nachts bleiben zu können, erzählt Dan, "inzwischen ist das eine Subkultur". Und ein neuer Kundenkreis. Jeden Morgen sieht Dan, wie die Camper zum Einkauf ziehen. "Wir sagen bei Wal-Mart: Das sind Kunden, die eine Ewigkeit brauchen, um zu entscheiden, was sie kaufen wollen – eine ganze Nacht nämlich." Neuerdings kommen sie auch im Winter. Der Schneepflug räumt den Platz, und Wal-Mart bietet für besonders frostige Tage einen Lagerraum mit Öfchen an. Dan entschuldigt sich. Sein Chef warte. Er knöpft den blauen Kittel zu und verschwindet.