Berlin

Fast vier Jahre ist es her, da saß Guido Westerwelle in einem Lokal in Berlin-Mitte und dachte darüber nach, wie sich sein Leben als Parteivorsitzender verändern würde. Er hatte Sorge, dass er in der neuen Rolle all das würde einebnen müssen, was ihn als Generalsekretär erkennbar gemacht hatte. Im Grunde hatte Westerwelle Angst, dass er selbst verschwinden, dass seine Partei ihn absorbieren könnte. BILD

Passiert ist das Gegenteil. Westerwelle ist immer noch Vorsitzender, nur seine Partei ist verschwunden. Merkwürdig, ausgerechnet Westerwelle, der Medienprofi, der lauteste und präsenteste Politiker von allen, hat es geschafft, seine Partei praktisch unsichtbar zu machen.

Jetzt, zu Dreikönig gibt es wieder Bilder von ihm, wie er über Rot-Grün schimpft. Ansonsten kommen die Liberalen im Fernsehen praktisch nicht vor. Wenn der Parteichef bei Christiansen, bei Berlin Mitte oder einer der anderen Talkrunden absagt, akzeptieren die Redaktionen meist keinen Ersatzmann. Auch in der Presse finden die Freidemokraten kaum statt. Das ist die Bilanz nach vier Jahren FDP-Vorsitz Westerwelle: Die Partei kommt nicht vor, und ihr Chef kommt nicht an.

Als kleine Oppositionspartei habe man es eben schwer, tröstet man sich bei den Liberalen. Das jedoch stimmt nur ein bisschen. Als die Grünen Mitte der neunziger Jahre in exakt derselben Lage waren wie die FDP heute, gelang es ihnen zeitweise, die SPD förmlich zuzudecken und den Eindruck zu erwecken, die Ökopartei sei die eigentliche Opposition. Das Verblassen der FDP in den Medien liegt nicht so sehr an irgendwelchen objektiven Existenzbedingungen, sondern in erster Linie ganz subjektiv an ihr selbst, an ihrem Mangel an überzeugendem Personal.

Gegen die FDP herrscht ein unausgesprochener Boykott

Und an der bürgerlichen Klientel. Weite Teile der gebildeten, liberalen, gut betuchten Kreise, als deren Vertreterin sich die FDP sieht, bringen der Partei ein Gefühl entgegen, das mehr ist als nur ein gewisser Überdruss. Es grenzt an Verachtung. In den Medien herrscht geradezu ein unausgesprochener Boykott gegen die FDP. Es gehört zum guten Ton, schlecht oder besser noch: gar nicht über sie zu reden und zu schreiben.

Westerwelle spürt diese Missgunst und reagiert darauf mit aggressiver Unsicherheit. Kerzengerade sitzt er da im Nadelstreifen und streicht sich erwartungsvoll die Krawatte glatt. Wie geht’s, Herr Westerwelle? Die Frage ist kaum gestellt, da verzieht sich schon das Gesicht zur Lachmaske. Sogleich schleudert er dem Gesprächspartner putzmunter ein "Gut"! entgegen. "Gut", wiederholt Guido Westerwelle, "her-vor-ra-gend!"