DIE ZEIT: Ist die Tsunami-Katastrophe ein Zeichen für die Ungleichheit in der Weltwirtschaft?

Jeffrey Sachs: Ein Schock wie der Tsunami kann überall auf der Welt kommen.

Bloß sind die armen Völker verwundbarer als die reichen. Wenn ein solches Desaster eine reiche Region getroffen hätte, wären die Zahl der Toten und das Leid deutlich geringer. Die betroffenen, größtenteils armen Länder am Indischen Ozean waren nicht halb so gut vorbereitet, wie sie hätten sein können.

ZEIT: Wohlstand schützt vor der Natur?

Sachs: Vor Katastrophenfolgen, weil Entwicklung Länder sicherer macht. Ich verweise auf die schweren Hurrikans, die vor einigen Monaten die Karibik heimsuchten: Die Opferzahlen in den armen Ländern waren um ein Vielfaches höher als in den reichen. Diese hatten stabilere Gebäude und bessere Warnsysteme - sie konnten Menschen aus gefährdeten Gegenden evakuieren. Haiti verlor Tausende Menschen, Florida nur einige Dutzend. Nichts anderes sehen wir jetzt am Indischen Ozean. Menschen leben in niedrig gelegenen Hütten, die einfach weggewaschen wurden. Der Tsunami ist dort zwar ein ausgesprochen seltenes Ereignis, aber ein Frühwarnsystem für Erdbeben, Taifune und andere Naturgefahren hätte viel ausgemacht.

ZEIT: War es denn die Verantwortung des Westens, ein solches System zu installieren, oder fehlte es an der Koordination zwischen den Anrainern?

Sachs: Wenn wir Entwicklungspolitik und Naturgefahren ernst nehmen, heißt das: Die Staaten der Region analysieren regelmäßig ihre Situation und entwickeln Strategien für Wohlstand und gegen Verwundbarkeit. Die Forschung über Naturgefahren und Wohlstandshindernisse könnte man sehr wohl in Entwicklungsstrategien übersetzen. Dann stellte sich aber schnell heraus: Die Verantwortung muss geteilt werden zwischen Kommunen, Ländern und der Weltgemeinschaft. Denn da müssen Expertise und Handlungsfähigkeit auf den unterschiedlichsten Ebenen zusammenkommen - und das Geld dafür muss aus der Region und den reichen Teilen der Welt kommen. Es geht nicht ohne dauerhafte Partnerschaft zwischen Arm und Reich.